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Warum um Hilfe Bitten völlig okay ist

Während der letzten zwei Monate ist mir deutlich aufgefallen, wie schwer es mir fällt, andere Menschen um Hilfe zu bitten. Als wir so als gesamte Familie durch die Grippewelle wirklich flach lagen und jeder Handschlag zu viel war, wir weder vor die Tür noch sonstige Kontakte pflegen konnten, wurde mir erst einmal bewusst, wie wichtig es sein kann, ein gutes und zuverlässiges Auffangnetz lieber Menschen zu haben. Problem dabei? Die Sache mit der Bittstellung.

Ich weiß ja nicht, wie ihr so tickt, aber mir fällt es unheimlich schwer, in diese Position zu rücken, hat es irgendwie immer etwas von einer "schwachen Position". Es ist unangenehm, häufig hat man Berührungsängste, ob man anderen Personen zur Last fällt, eventuell zu viel verlangt oder sich völlig lächerlich macht. Dabei ist dies völliger Quatsch und vielmehr trauriges Ergebnis unserer leistungsorientierten Gesellschaft und vielleicht auch ein typisch deutsches Phänomen, wenn man das an dieser Stelle überhaupt so pauschalisieren darf. Ich meine jedenfalls zu behaupten, dass gerade unser Völkchen äußerst pflichtbewusst ist. Abliefern. Pünktlichkeit. Kein Versagen. Stets zur Stelle. Besser. Schneller. Weiter. Und das am besten ganz allein und ohne Hilfe. Warum es aber a) völlig okay ist, auch einmal in Bittstellerposition zu gehen, wenn es darum geht, Hilfe zu beanspuchen und dies b) keine Schwäche, sondern vielmehr Stärke sein kann, will ich euch heute beweisen. Vielleicht fällt es euch mit diesen Denkanstößen das nächste Mal auch leichter, über euren Schatten zu springen und mit der Unterstützung lieber Menschen voran zu kommen.


1. 

Es bedeutet Mensch-Sein

In unserer heutigen Gesellschaft wird um Hilfe bitten häufig mit Scheitern und Schwäche gleich gesetzt. Wer um Hilfe bittet, bekommt seine Aufgaben nicht gebacken, ist zu schlecht, hat sichtbare Defizite, bekommt nichts alleine hin. Bullshit, wenn ihr mir fragt! Im Gegenteil - es gehört eine gehörige Portion Mut dazu, sich in einem solchen leistungsorientierten Umfeld, in dem man abliefern muss, einzugestehen, dass man alleine nicht vorwärts kommt. Sich dann Hilfe zu holen, an Familie und Freunde zu wenden, um das für sich bestmögliche Ergebnis zu erzielen, ist doch absolut stark. Hilfe zu benötigen, ist kein Zeichen von Niederlage oder Schwäche, sondern vielmehr eines von Menschlichkeit, Verletzlichkeit und nimmt die Illusion der Perfektion, die ohnehin nicht möglich ist. Statt sich also aufzureiben und fertig zu machen, ist es oftmals gesünder, einfach mal um Hilfe zu bitten.

2. 

Es schweißt zusammen - gemeinsam etwas meistern, verbindet

Wir Menschen sind soziale Wesen und darauf ausgerichtet, in Aufgabenverteilung etwas gemeinsam zu schaffen. Früher war es völlig normal, dass jeder seine Aufgabe hatte und man Hand in Hand arbeitete. Ob in der Steinzeit, in der das Mammut eben nur in Gemeinschaftsarbeit gejagt werden konnte oder auch in Großfamilien vor wenigen Jahrhunderten, die nur durch Hilfestellung und abgesprochene Aufgaben überleben konnten - gegenseitige Unterstützung war damals etwas völlig normales.
Das Selbstverständnis dafür ist in unserer heutigen Leistungsgesellschaft leider abhanden gekommen. Vorwärts kommen. Ellenbogentaktik. Ja keine Schwäche zeigen. Angst vorm "Scheitern". Einzelkämpfertum. Sich an die Spitze kämpfen mit innovativen Ideen und am besten alleine. Daraus resultiert nicht nur eine gewisse Form des Egoismus, der vieles kaputt machen kann, sondern auch ein völlig verqueres Bild über Hilfestellungen.

3. 

Vier Augen sehen besser als zwei

Ich führe dabei immer gern das Beispiel einer Abschlussarbeit an und ja, selbst der Blog hier könnte als Beispiel dienen. Aufgrund meines Studiums bin ich es gewöhnt, andere Texte zu korrigieren. Geht es aber darum, selbst sehr lange Textpassagen zu schreiben, schleichen sich (Flüchtigkeits)Fehler ein. Man wird betriebsblind. Übersieht kleine Dinge, verliert den Blick fürs Detail, weil man sich so auf das Wesentliche konzentriert. Und fällt einem bei einem anderen Text besagter Fehler sofort auf, kann man seinen eigenen Text fünfmal lesen und dennoch kleine Patzer nicht finden. Vier Augen sehen besser als zwei. Wieso also nicht Hilfe holen, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen? 

Gleiches gilt natürlich auch für alle anderen Lebensbereiche. Ihr habt Probleme mit einem Projekt? Euch fehlt die zündende Idee? Ihr kommt bei der kreativen Umsetzung nicht weiter? Oder aber auch im Privatbereich bei einer wichtigen Lebensentscheidung, einem Problem mit eurem Baby oder sonstigen Szenarien? Vielleicht ist genau an dieser Stelle das zweite Augenpaar hilfreich - gerne auch "fachfremd". Mit einem objektiven und distanzierten Blick sieht man die Dinge doch häufig ein wenig klarer. Es fallen einem Dinge auf, die der andere nicht gesehen hat oder es kommen Ideen zustande, die man selbst nie auf dem Schirm gehabt hätte.

4. 

Perfekte Ergänzung

Wenn ihr in einem Team arbeitet, ist euch sicher bereits bei der ersten Projektarbeit aufgefallen, wo die Stärken des jeweils anderen liegen. Der eine kann besonders gut Ziele formulieren, der andere ist vermutlich in der kreativen Ausführung besser. Ja, selbst Zuhause im Haushalt kann man das anwenden. Ein Partner zaubert die köstlichsten Menüs, hat es dafür nicht so mit der Ordnung, der andere wiederum ist eine Putzfee schlechthin und somit die perfekte Ergänzung. Statt also Hilfe als eine Schwäche zu sehen, dreht den Spieß um und seht sie als Chance der Stärke an. Sicher gehört dazu eine gewisse Portion Selbstreflexion, um sich eingestehen zu können, an welcher Stelle man Hilfe benötigt. Hat man das aber für sich herausgefunden und die passende Person ins Boot geholt, die durch ihre Stärken Lücken füllen kann und diese vor allem erklärt, kann man doch nur gewinnen. 
Ihr könnt auf Gebieten, mit denen ihr nicht vertraut seid, dazulernen und Wissensaneignung ist immer etwas Gewinnbringendes. Im Umkehrschluss gibt es mit Sicherheit Disziplinen, die ihr eurem Helfer nahebringen könnt und somit eine Win Win Situation für beide entsteht.

5.

Stolz überwinden

Wie wäre es, wenn wir falschen Stolz beseite packen würden? 
Über den eigenen Schatten zu springen und sich einzugestehen, dass man einer Aufgabe 
alleine nicht gewachsen ist, ist keine Schwäche, sondern Stärke.
Ich kenne das Gefühl ja selbst. Man hat zig Aufgaben zu erledigen, jongliert mehrere Bälle. Eine schwierige Phase mit dem Kind, die volle Aufmerksamkeit fordert, Partnerschaft und Haushalt bleiben auf der Strecke, ja es sieht aus wie auf einem Schlachtfeld. Geschirr stapelt sich, Wäsche ebenso, der Kühlschrank ist leer, das Baby nur am Weinen und mittendrin man selbst - völlig überfordert. Das will man sich aber nur ungern eingestehen und noch schlimmer - vor anderen Menschen zugeben. Schließlich bekommen andere Mütter das ja auch gebacken, haben einen gepflegten Haushalt, nur das frische, vegane Essen, zufriedene Babys, die völlig entspannt und unkompliziert sind und eine ausgefüllte Partnerschaft. Quatsch! Dahinter steht oftmals auch ein Auffangnetz - ein gut sortiertes Hilfesystem. Statt also falschen Stolz an den Tag zu legen und vor lauter Überforderung vergraben zu werden, zieht die Notbremse, gesteht euch an, dass ihr in diesem Moment Hilfe benötigt und sucht sie euch. Liebe Menschen in eurem Umfeld werden einen Teufel tun und euch verurteilen oder verachten. Im Gegenteil, sie fühlen sich meist geschmeichelt und packen gerne mit an. Sei dies in Form eines Spazierganges mit dem Kind, einer Putzaktion Zuhause oder auch nur mit einer XXL Packung Eis und einem offenen Ohr zum Ausheulen. 




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Erzählt doch mal, wie das bei euch so mit der Hilfe ist! Fragt ihr selbstverständlich danach und empfindet es als normal oder fällt es euch schwer, andere Menschen um Hilfe zu bitten?



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2 Kommentare

  1. Schöner und vor allem wichtiger Artikel. Ich dachte irgendwie, dass ich eigentlich keine Probleme hab um Hilfe zu bitten, aber letztens bin ich mit meiner Gottesdienstplanung (ich bin angehende Pfarrerin) nicht vorangekommen und habe mir so schwer getan. Und dann habe ich, nach etwas Überweindung, doch Rat bei jemandem gehohlt und dieser kleine Stupser hat so viel bewirkt, dass ich danach richtig gut voran kam. Hilfe und Austausch tut so gut und wir als Menschen sind doch eigentlich auch auf Familien- und Gruppenleben ausleget, wie soll das also ohne Hilfe gehen?
    Ganz liebe Grüße an dich!
    Alexandra

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  2. Ich finde deinen Artikel richtig toll.

    Ich kann gar nicht gut um Hilfe bitten. Mir ist das gerade während meiner Diplomarbeit aufgefallen und jetzt während meiner Doktorarbeit merke ich das noch stärker. Ich bin jemand, der sich eine Sache erstmal zeigen lässt und dann versucht, sie dann selbstständig zu lösen. Leider wird man, wenn man nicht um Hilfe bittet von Betreuerseite gerne übersehen. Mir ist es nämlich schon häufiger das Gefühl gegeben worden, dass ich lästig falle, wenn ich um Hilfe bitte. Da Schiet man dann seinen Stolz beiseite und gesteht ein, dass man nicht mehr weiter weiß und die Antwort ist ein, dafür hab ich jetzt keine Zeit. Das frustriert ungemein. Und leider scheine ich in meinem Leben gerne auf menschen zu treffen, die mir meine Hilflosigkeit, mein sogenanntes Versagen, gerne noch Jahre später aufs Brot schmieren. Das macht es einem ungemein schwer, um Hilfe zu bitten.

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