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"Das stärkt die Lungen" - 13 Babymythen, die längst überholt sind

Ihr kennt sie sicher auch, diese hartnäckigen, teils wirklich schrägen Baby-Mythen, die bereits in der Schwangerschaft in Gesprächen immer wieder auftauchen. Neben relativ harmlosen wie "spitzer Bauch = Junge" und "runder Bauch = Mädchen" gibt es aber einige bedenkliche Mythen, die sich hartnäckig über Jahrzehnte gehalten haben, schlichtweg aber veraltet und überholt sind. Ein paar dieser Weisheiten und Mythen habe ich euch heute einmal aufgelistet - um zu schmunzeln, den Kopf zu schütteln, aber vor allem auch aufzuklären.


1. "Wenn du in der Schwangerschaft oft Sodbrennen hast, bekommt dein Baby volle Haare."

Ein ziemlich schräger Zusammenhang, oder? Aber eine typische Weisheit, auf die einige Mamas schwören. Dann wiederum gibt es natürlich die, die sich ärgern, dass das viele Sodbrennen nichts gebracht hat und das Baby trotzdem sehr kahl herum läuft. Bewiesen ist es aber keinesfalls.


2. "Baby wird nicht satt, wenn es alle Stunde trinkt oder dauernuckelt!"

Ein Mythos, der sich hartnäckig hält und schlichtweg überholt ist. Das Phänomen des Dauernuckelns oder in kurzen Abständen hintereinander Andockens, nennt sich Clusterfeeding und taucht häufig in den frühen Abendstunden sehr häufig auf. Stillen ist nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern vor allem auch Trost Spenden, Nähe, das Gefühl von Wärme und Sicherheit, erst danach kommt die Befriedigung von Durst oder Hunger. Wenn ein Baby also Clusterfeeding betreibt, tankt es sehr intensiv Mama - benötigt die Extraportione Nähe und Sicherheit. Das passiert übrigens besonders häufig, wenn Babys im Wachstums- oder Entwicklungsschub stecken oder aber besonders aufregende Tage, neue Reize oder neu gelernte Fähigkeiten verarbeiten müssen.

Übrigens als kleine Faustregel: hat euer Baby eine gesunde Hautfarbe, wirkt wenige Minuten beim und nach dem Trinken an der Brust schnell entspannt, hat pralle Haut und ca. 6 nasse Windeln am Tag, wird es definitiv satt. 

3. "Babys sollten einen geregelten Trinkrhythmus alle 4 Stunden haben."

Noch so ein Mythos aus vergangenen Zeiten. Der etwas preußische 4-Stunden-Rhythmus ist längst durch das Prinzip des "Stillen nach Bedarfs" abgelöst. Soll heißen: am besten legt ihr euer Baby an die Brust, sobald es danach verlangt, ihr das Gefühl habt, es durch die Brust beruhigen und trösten zu können oder es Hunger hat, auch wenn "noch nicht die Fütterungszeit gekommen ist". Ihr esst doch auch nicht jeden Tag zur gleichen Zeit, habt genauso viel Hunger oder Appetit?!

Hinzu kommt, dass Muttermilch im Gegensatz zu Premilch in der Regel nach 60-90min vollständig verdaut wird, so dass die Trinkabstände häufig sehr viel kürzer sind als bei der Pre-Nahrung. Wundert euch also nicht, wenn euer Baby nicht immer einen gleichen Trinkrhythmus aufweist. Man kann zwar nach einger Zeit in etwa ein Muster erkennen, aber auch das wird durchs Zahnen, Schübe und Co. ständig über den Haufen geworfen. Je flexibler, desto besser. Beobachtet einfach euer Baby und ihr werdet es fühlen, wann es soweit ist. 

4. "Wenn man Babys erste Haare schneidet, wachsen sie umso stärker nach."


Ganz schön schräger Mythos! Es soll sogar Eltern geben, die daraufhin ihrem Nachwuchs eine Glatze rasierten, in der Hoffnung, dass dann eine starke Haarpracht nachwächst. 

5. "Babys müssen auch mal schreien gelassen werden. Das stärkt die Lungen."

Nein, müssen sie nicht. Niemals. Nie. Da bin ich sehr rigoros, werde wütend und ja, verurteile es ganz klar, wenn unschuldige Babys wissentlich und absichtlich ohne Beruhigungsversuche Schreien gelassen werden. Das ist grausam.
Es stärkt auch nicht die Lungen, wie die ältere Generation immer sagt. Lungenbläschen und Co. sind nämlich bis zur 36. Schwangerschaftswoche super ausgereift und brauchen keine Stärkung. Schon gar nicht durch Brüllen lassen.

Babys schreien niemals ohne Grund und schon gar nicht, um zu manipulieren. Es ist ihr einziges Mittel, um sich auszudrücken und neben einer vollen Windel, Hunger oder Bauchweh ist auch das Bedürfnis nach Nähe eines der allerstärksten und ernst zu nehmen.

Es gibt so viele Studien, die mittlerweile belegen, welchem enormen Stresslevel Babys beim bewussten Schreien lassen ausgesetzt sind. Sie verfallen dabei in Panik. Todesangst. Das einzige, was dabei gestärkt wird, ist die bröselnde Bindung zwischen Mutter und Kind. Denn es fühlt sich im Stich gelassen. Das Urvertrauen wird angeknackst.

Ebenfalls bewiesen wurde, dass Babys, die nicht schreien gelassen werden, auch wesentlich seltener schreien und insgesamt ausgeglichener sind. Weil sie wissen, dass auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird und insgeheim nicht hoffen müssen, dass Mama dieses Mal das Schreien hoffentlich nicht ignoriert.

Eine Ausnahme sind natürlich sogenannte Schreibaby und auch die typischen Schreiphasen in der ersten Zeit. Diese weisen einfach phasenweise sehr lange Schreiphasen auf, werden aber in der Regel liebevoll durch die Eltern begleitet, die ALLES daran setzen, ihr Kind zu beruhigen, das sich aber einfach nicht beruhigen lässt. Das ist eine völlig andere Situation als Eltern, die ihre Babys bewusst brüllen und sich selbst überlassen. 

6."Spitzer Bauch, gute Haut = Junge, Runder Bauch, schlechte Haut = Mädchen"

Auch eine Weisheit, die über Generationen hinweg reicht. Wenn man sich aber ein wenig umhört, sieht man schnell, dass es keine nachweisbaren Zusammenhänge gibt. Bäuche sind so individuell wie die schwangeren Frauen und die Form hängt wohl vielmehr mit der Anatomie der Schwangeren zusammen als mit dem Geschlecht des Sprösslings. Und auch die anderen Mythen a la Hautunreinheiten oder Gelüste sind eher eine witzige Ablenkung zum Rätselraten als feste Tatsache.

7. "Wenn ihr das Baby in eurem Bett schlafen lasst, wird es da nie mehr rauskommen."

Völliger Quatsch, oder kennt ihr 18Jährige, die noch bei Mutti und Papi in der Ritze schlafen?! Kinder WOLLEN selbständig werden und kapseln sich früher oder später ab - das ist ein ganz natürlicher Schritt der Entwicklungspsychologie. Irgendwann kommen sie ganz von sich aus, wobei der individuelle Zeitpunkt natürlich variiert und vom Kind abhängt, an dem sie sich groß und sicher genug fühlen, um ins eigene Bett zu ziehen. Kuscheln natürlich trotzdem erlaubt. Ich selbst habe es geliebt, als Kind bei meinen Eltern zu schlafen, gemeinsam zu kuscheln, Wärme und Liebe zu spüren und dann, als ich bereit dazu war, ins eigene Reich umzuziehen. Ganz stolz, ganz sicher, ohne Angst und schlechten Gefühlen nachts.

8. Babys brauchen von Anfang an Wasser und Tee.


Brauchen sie vor der Beikost eigentlich nicht. Vor allem voll gestillte Babys bekommen alle wichtigen Nährstoffe über die Muttermilch. Mehr brauchen sie nicht. Die Milch ist außerdem so zusammen gesetzt, dass anfangs die weniger nahrhafte Milch fließt, die quasi durstlöschend ist und erst nach einigen Minuten von der fettreichen Milch abgelöst wird. Tee hat ja auch an sich keinen Nährwert, ist also überflüssig. Auch an heißen Tagen muss das nicht unbedingt sein. Man kann das Baby ja auch einfach häufiger anlegen.

Wann man ihn dennoch geben kann? Wenn das Baby dolle Bauchschmerzen hat, kann man schon mal 10-20ml Fencheltee geben und Getränke dann als regelmäßigen Bestandteil einführen, sobald etwa 3 Breimahlzeiten ersetzt sind oder das Baby größere Mengen Fingerfood zu sich nimmt.

9. "Ein Baby/Kind muss den Teller leer essen."

Aus Angst heraus, dass das Kind nicht genug isst, gilt häufig die Richtlinie, dass der Teller aufgegessen werden muss. Dabei besitzen gerade Babys und Kleinkinder, anders als wir Erwachsenen, ein natürliches Sättigungsgefühl, das ziemlich super funktioniert. Dreht es sich also weg, schiebt den Teller oder die Brust weg und zeigt deutlich, dass es nicht mehr mag, ist es einfach satt. Auch wenn nur 1/3 gegessen wurde. Nötigt man das Kind mit Ablenkungsversuchen zum Essen und schiebt es hinein, trainiert man ihm eigentlich nur eine längst vorhandene Fähigkeit der Selbstregulierung und Sättigungseinschätzung ab.

10. Flaschenbabys schlafen schneller durch als Stillbabys und stärkehaltiger Brei am Abend hilft auch beim Durchschlafen


Hält sich zwar ziemlich hartnäckig, da Pre-Nahrung in der Regel länger sättigt als Muttermilch, stimmt so aber nicht immer. Ebenso wie der schön dick angereicherte Brei am Abend. Untersuchungen haben gezeigt, dass einfach kein Zusammenhang besteht. Wenn der Brei zu stärkehaltig ist, kann es sogar eher dazu kommen, dass die Babys vor schwerem Magen und Verdauungshöchstleistung eher unruhig werden und gar nicht schlafen können. Ähnlich, wie wenn wir abends ein Drei Gänge Menü essen würden. Alle Babys müssen Reize verarbeiten, zahnen und lernen täglich neue Fähigkeiten. Das alles wird im Schlaf verarbeitet. Ein Baby verarbeitet diese Prozesse schlafend, andere wühlen sich unruhig durchs Bett und benötigen mehrmals die Absicherung, dass Mama und Papa noch da sind oder haben Hunger. Das ist ein ganz normaler Reifeprozess und somit ist das Durchschlafen so individuell wie Babys es sind - ganz unabhängig von Flasche, Brust oder Abendbrei.

12. "Wenn man ein Baby viel trägt, wird es nur verwöhnt, faul und lernt nie das Laufen."

Ebenso großer Blödsinn wie das Schreien lassen. Man kann Babys nicht mit zu viel Liebe und Nähe verwöhnen. Leider wird das Bedürfnis "Nähe" von immer noch zu vielen Menschen nicht ernst genommen, dabei ist es doch nur logisch, dass wir Menschen als soziale Wesen Nähe, Zuwendung und Sicherheit benötigen. Vor allem die Allerkleinsten, die so abhängig von uns sind. 

Kuscheln und Tragen ist das Beste, was man machen kann. Das psychologische Prinzip dahinter ist denkbar einfach. Eine starke, sichere Bindung sorgt für dieses feste Vertrauen - die Basis, um wieder zurückkommen zu können, aufgefangen zu werden und somit Selbstvertrauen zu fassen, um alleine loszuziehen. Wie gesagt, Babys WOLLEN selbständig und unabhängig werden und können das am besten durch eine starke Basis. 

Und der Punkt mit der Lauffaulheit...nun ja, das ist einfach eine unbegründete Angst. Dann würden ja beispielsweise in etlichen afrikanischen Völkern die Kinder gar nicht laufen lernen, weil sie sehr viel getragen werden.

13. "Nur wenn Kleinkinder Käse essen, können sie pfeifen."


Den Mythos hatte ich neulich mal gelesen und musste herzlich darüber lachen. Manche Mythen sind einfach so schräg und man fragt sich, woher diese Erkenntnisse stammen. Ich für meinen Fall esse keinen Käse, pfeifen kann ich trotzdem. Und ihr?
 

Kennt ihr denn einige dieser Szenarien und welche schrägen Mythen fallen euch noch ein?!



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3 Kommentare

  1. Hihi sehr guter Text ❤

    Das mit dem Käse kannte ich noch nicht ��
    Viele Meinungen gibt es ja zu den einzelnen Mythen und als Frisch Mama war ich echt überrumpelt.
    Ich wollte alles so liebevoll machen, nur hatte ich keinen Bezug zu ihm und auch er war leider ein Schreikind, welches die Sache nicht vereinfachte. Man kommt an seine Grenzen. Tagtäglich. Und dauernd "nur gut gemeinte Ratschläge " - bezüglich schreien lassen. Ich bin so froh iwann einen Instinkt entwickelt zu haben, was fühlt sich für mich richtig an und so handelte ich auch.
    Man hört meist viel zu viel auf die Anderen, was nicht immer schlecht sein muss, aber eben auch nicht immer gut. Wie du in einem vorigen Post schon geschrieben hattest "mehr Mut auf euch zu hören"

    Toll dass du dies so unterstützt! ❤��

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  2. Nummer 4 hat mein Papa damals etwas zu ernst genommen und rasierte mir den Kopf komplett kahl :D geschadet hat es nicht, aber es wird noch heute drüber gelacht! In diesem Sinne, ich denke man sollte solche Dinge nicht ganz so ernst nehmen ;)

    Ein toller Post!

    Liebst,
    Alena
    Lookslikeperfect.net

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  3. Toller Beitrag! Im russischen gibt es auch sehr viele Mythen. Zum Beispiel sagen viele, dass man keine Sachen fürs Baby vor der Geburt kaufen soll oder dass man das Neugeborene in den ersten Wochen/Monaten keinem Fremden zeigen soll (Böser Blick) usw.. 🤦🏼‍♀️

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