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Über die Angst, etwas zu verpassen



Während ich mir meine zersausten Haare aus dem Gesicht wische und den nächsten Karton zusammenfalte, schweift mein Blick nach draußen auf den Gehweg. Der Vorteil unserer alten Hochparterre Wohnung? Wir können so herrlich Leute beobachten und überlegen, was sie wohl so vorhaben. Okay, das klingt etwas seltsam, aber kennt ihr das nicht auch, wenn ihr Menschen beobachtet und euch vorstellt, wohin sie wohl unterwegs sind, was sie antreibt, welche Sorgen sie wohl haben? Gut, das klingt jetzt vermutlich noch seltsamer. Male ich mir aber gerne aus.

Jetzt habe ich vom Vorteil unserer Wohnung in Stadtlage gesprochen. Was der Nachteil ist, fragt ihr? Dass ich genau an diesem heißen Sommertag - einem der seltenen in den letzten Wochen - genau vor diesem einen Fenster stehe, unser Leben in Kisten packe, während ich andere Menschen beobachten kann, wie sie den Sommer leben. Mit einer Melone unterm Arm, einem Grill oder auch einer Flasche Rosé. 20.00Uhr, während das Baby schläft, für viele der Sommerabend erst beginnt und wir ziemlich müde und geschafft aufs Sofa fallen werden und der Tag zuende geht.

Ich hatte eigentlich nie Angst etwas zu verpassen, nicht Teil des Ganzen zu sein...


Und doch stehe ich nun vor diesem Fenster und diese merkwürdige, hippe Abkürzung für ein Phänomen unserer Generation schwirrt mir durch den Kopf. FOMO - fear of missing out. Schon oft auf Blogs gelesen, belächelt und abgetan.

Ich habe keine Lust, Kartons zu packen. Ich habe keine Lust, nachher noch Essen zu kochen und der Gedanke, einfach mal so abends auch in den nahegelegenen Stadtpark zu schlendern oder sogar im Sonnenuntergang schwimmen zu gehen, kommt mir in den Sinn. Geht aber nicht...weil da die Kartons sind, die sich nicht von alleine packen und weil da mein Baby ist, das natürlich abends lieber im eigenen Bett als an irgendeinem Seeufer schlafen möchte. Verantwortung. Pflichten. Eben kein Studentenleben mehr.




Ich weiß, dass es albern ist. Aber als echtes Sommerkind, das für das Vitamin D lebt, so viel Sonne und Lebensenergie wie möglich aufsaugt und es gewohnt ist, jede freie Sekunde im Grünen zu verbringen und dabei Stück für Stück dunkler wird, ist das gerade echt mies. Und auch wenn ich weiß, dass es albern ist, bin ich frustriert. An heißen Tagen fängt es an in mir zu kribbeln. Wenn andere sich lieber drinnen verschanzen, werde ich ganz wuselig und das dringende Bedürfnis, das Maximum aus einem Tag auszuschöpfen. Mit Baden gehen, mit Sommerliedern, mit nackten Füßen im Gras tanzen und Wassermelone. Wassermelone gehört immer dazu und nicht einmal die habe ich im Haus.

Der nächste Tag. Meine kindlich frustrierten Gedanken vom Vortag sind längst verschwunden, während ich mit der Kleinen in der Trage morgens um 11 Uhr durch den Stadtpark schlendere. Mir begegnen kaum andere Menschen. Hier und da das eine bekannte Gesicht auf dem immer gleichen Weg zur Arbeit oder die andere Mutti mit müdem Blick. Man kennt sich, man nickt. Und sind diese Schritte, diese immergleichen Wege längst zu meiner Routine geworden, fühlt sie sich diesen Morgen so viel leichter an. Das Wetter ist immer noch außergewöhnlich gut. Ich merke schon die beginnende vibrierende Hitze, die wohl später hereinbrechen wird. Und genieße es, durch die Kleine so viel mehr unterwegs zu sein. Natur. Sonne. Vogelgezwitscher. Hier und da vereinzelt Studenten, die mit ihren Büchern im Bikini auf einer Decke liegen. Ich war auch einmal einer von denen. Punkt um 11Uhr im Freibad mit dem Lernwerk unterm Arm, um am Ende des Tages mit einem nicht ganz so schlechten Gewissen und einem tief gebräunten Gesicht nach Hause zu kommen. Ein wenig trauere ich dieser Freiheit ja hinterher und frage mich, wieso wir damals eigentlich so viel Zeit vergeudet haben. Was haben wir nur den ganzen Tag gemacht? Weiß aber, wie gut sich das angefühlt hat.

Nachmittag berichte ich ihm von meiner albernen Angst, den Sommer das erste Mal in meinem Leben zu verpassen. Er muss herzlich lachen. 

"Du verpasst doch nicht den Sommer, nur weil du dieses Jahr eben nicht den dunkelsten Foundationton trägst oder eben nicht jede Gelegenheit im Freibad ausnutzt oder in den Urlaub ans Meer fährst. Dieser Sommer ist etwas Besonderes. Ja, er ist ruhiger, ja, wir sind abends nicht mehr unterwegs bis die Sonne untergeht, wir stromern nicht mehr zur Golden Hour durch die Felder. Aber dafür haben wir dieses Abenteuer "Neue Wohnung" vor uns und unser kleines Mädchen, die gerade ihren ersten Sommer erlebt. Mit uns. Ganz neu, ganz aufregend. Und ja, er ist anders, als alles, was du bisher gewöhnt bist. Aber ist er nicht anders gut?"

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. War viel zu sehr geblendet von dieser egoistisch gedachten "FOMO". Ganz egal, wie trist uns eine Situation erscheint, wie anders sie sich anfühlt als das Vertraute. Das, was wir kennen. Ist es doch so, dass nur wir selbst dafür verantwortlich sind, das Beste aus ihr zu machen. Ja, dieser Sommer ist anders, rauscht ein bisschen an mir vorbei und enttäuscht mich ein wenig.
Er wird abgelöst von Umzugsaktivitäten, Verpflichtungen und Schattenplätzchen, ist aber dennoch da.

Statt also wie früher zu konsumieren, ihn als Selbstverständlichkeit zu betrachten, wird er heute geschätzt. Diese wenigen Tage, die vielleicht nicht ganztägig, dafür aber effizienter ausgenutzt werden. Das Wochenende bei den Eltern, dieses eine besondere Shooting in den Abendstunden, für das wir Zeit gefunden haben oder auch dieses Picknick im Badeanzug auf dem nahe gelegenen Steg am Flussufer - mit schlafendem Baby, einfachem Sandwich in der Hand und den nackten Füßen im herrlich kühlen Wasser. Mehr braucht es nicht.

Die Angst, etwas zu verpassen, ist ein Schattenmonster in unseren Köpfen, 

weil wir uns wieder einmal mehr mit dem Tag der anderen beschäftigen und dem hinterherjagen, was wir nicht haben, statt uns mit unserer Situation zufrieden zu geben oder eben einfach etwas zu ändern, wenn es uns nicht passt. 

Wir sind so gefangen darin, andere Leute zu beobachten, statt diese aufgewendete Zeit für uns zu nutzen. An unserem Tag zu arbeiten, an unserer Einstellung zu feilen, positiver zu denken und Energien anders einzusetzen, statt in den Jammermodus zu verfallen. Eine Zwickmühle, die sich übrigens nicht nur im Sommer beobachten lässt. Zu jammern, auf den perfekten heißen Sommertag zu warten oder das perfekte Wetter für ein Festival, die perfekte Situation, um XY zu machen und dann Möglichkeiten maulend an sich vorbei ziehen zu lassen, weil die Ausgangsbedingungen eben nicht perfekt sind, ist doch albern. Verschwenderisch. Dafür ist die Lebenszeit zu kostbar, zu schade, um sie verstreichen zu lassen, nur weil wir im Kopf eine andere Vorstellung hatten.

Die Alternative dazu? Vielleicht nicht allzu sehr auf das Leben der anderen schielen und verlieren. Wer weiß, wie deren Tag gelaufen ist und unter welchen Umständen das Feierabendbier am See möglich gemacht wurde, welche To Dos dafür nach hinten verschoben wurden und wann der Arbeitstag Zuhause dann wirklich endet. Leben. Im Moment. Gelegenheiten beim Schopfe packen, statt sie zu zerdenken und sich später darüber zu ärgern, sie nicht wahrgenommen zu haben. Wenn es nicht der ganze Tag am See sein kann, vielleicht aber ein kleiner Spaziergang, eine kleine Auszeit, eine Radtour, ein anderer Tag, eine andere Möglichkeit, die sich dann mindestens genauso gut anfühlt. Weil sie intensiver ausgekostet wird. Weil der Moment kostbarer ist.



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Hattest du schon einmal das Gefühl, etwas zu verpassen?

 



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9 Kommentare

  1. Oh ja, ich kenne dieses Gefühl sehr gut! Du hast deine Gedanken mal wieder wunderschön in Worte gefasst! Ich bin immer wieder beeindruckt :)

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  2. Liebe Yassi,
    ein sehr inspirierender Blogpost von dir! Zwar bin ich noch jung und darf auch mehr oder weniger tun und lassen was ich will und trotzdem erwische ich mich dabei, wie ich mir Dinge vornehme und dann doch immer weiter aufschiebe, weil irgendwas noch nicht stimmt oder ich einfach nicht aus meinem Bequemlichkeitsmodus herauskomme. Ich werde mir deine Worte annehmen und einfach machen.
    Liebe Grüße, Josie :)

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  3. Liebe Yasmin,
    ein echt toller Text, der nachdenklich macht. Erst heute früh habe ich auf Instagram einen Post über das Glücklich- bzw. Unglücklichsein gelesen. Diese Momente im Leben, in denen wir uns ärgern, dass wir dieses oder jenes nicht haben, die uns für kurze Zeit vergessen lassen, WAS wir haben und wie dankbar wir eigentlich dafür sein sollten. Immer wenn ich mich mit solchen Gedanken ertappe nehme ich mir Zeit und überlege, wie gut es mir eigentlich geht und wie glücklich ich mich schätzen kann. Da ist (vorsicht kitschig) die Liebe meines Lebens, die mich seit meiner Jugend begleitet. Da ist unsere Tochter, dieses kleine wundervolle Zauberwesen, was uns nun schon seit über einem halben Jahr zur Familie macht. Da sind die Eltern, Omas, Opas, Tanten... die uns immer den Rücken stärken und zu uns halten. Und da ist noch so viel mehr, was mich zum glücklichsten Menschen der Welt macht. Genau diese kurzen "Down-Phasen", dieser ganz kurz aufflackernde Neid machen es mir immer wieder bewusst.
    LG Mia

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  4. Yasmin! Was für ein wundervoller Text! Du sprichst mir direkt aus der Seele!!! Und Stefan sagt dir fast Wort für Wort das gleiche wie mein Sascha es dann immer zu mir sagt in der gleichen Situation! Aber er hat Recht! Und du auch! Es ist normal zu vergleichen und wahrscheinlich auch weil du gerne mal ein wenig träumst dich zu fragen und zu hinterfragen was dich glücklich macht und du gerne hättest! Aber wie du schon sagst, und das versuche ich mir auch immer vor Augen zu halten, man weiß nie wie es der hippen Mama, die an uns total gestylt vorbei läuft wirklich geht. Macht sie sich auch Sorgen, ob sie dem allen gerecht wird? Ich könnte hie noch endlos Beispiele anführen. Wichtig is zu sehen was wir jetzt haben und das Beste daraus zu machen. So gut man eben kann. Und dazwischen darf man ja trotzdem nochmal träumen, wie es wäre diese junge Studentin zu sein, die gerade an eine vorbei lief. Mit der Melone unter dem Arm und dem dunkelsten Foundationton. ;)

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  5. Liebe Yasmin,

    ich denke, jeder von uns hatte schon ab und an mal das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Aber wie Du schon schreibst, ist das wirklich so? Ist es nicht einfach so, dass da Leben und die Umstände darin sich ändern? Und wir alle versuchen doch meist, das beste daraus zu machen.
    Du kannst jetzt die Zeit mit der Lütten verbringen, während andere im Büro arbeiten. Hat doch fast alles auch gute Seiten. Und es wäre viel schlimmer, wenn Du die Zeit mit der Lütten nicht genießen könntest. Dann würdest Du was verpassen :-)
    Übrigens hast Du das hier super geschrieben.

    Ganz liebe Grüße,

    Tabea
    http://tabsstyle.com

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  6. Super Beitrag! Hey, ich kenne FOMO nur zu gut! Angefangen hat es mit meiner Ausbildung, die für mich eine 40 Stundenwoche bedeutet. Ich sitze fast den ganzen lieben langen Tag im Büro und versuche trotzdem so viel wie möglich an Aktivitäten außerhalb der Arbeit reinzuquetschen. Es ist schon irgendwo sehr frustrierend, wenn man aus dem Bürofenster schaut und sieht, wie viele Leute sich vergnügt ein Eis gönnen oder Studenten mitten am Tag sich einfach nur treiben lassen. Ich gebe zu, dass ich dann oft traurig bin und mich frage wie es sein kann, dass meine Freundinnen die Welt bereisen und ich andauernd nur arbeite. Ich bin zwar erst Anfang 20, fühle mich aber im Hinblick auf meine Uni Freundinnen deutlich älter. Ob ich etwas verpasse? Manche Dinge bestimmt.
    Aber was mich die letzten Jahre besonders gelehrt haben? Die Zeit intensiv zu nutzen. Das beste aus allem zu machen. Sich von festen Vorstellungen lösen, wie etwas zu sein hat, und sich stattdessen den Momenten hingeben und sie auskosten. Es ist unglaublich, wie sehr ich das Leben nun mehr spüre und dankbar für die banalsten Sachen bin. Früher als Schulmädchen waren die Dinge für mich selbstverständlich, jetzt sind sie etwas besonderes.

    Liebe Grüße

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  7. Oh ich kenne das zu gut. Aber ich habe nach meiner Zeit in Afrika gelernt, dass man einfach den Moment genießen muss und nicht denken sollte, "oh die hatten ein geniales Sommerwochenende und ich musste arbeiten". Einfach mal einen Anblick oder Moment genießen und aufsaugen können... Oder wie man manchmal so schön sagt, die schönen Momente in ein Glas packen :)


    Liebe Grüße
    Ena von Just a swabian girl

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  8. Ein bedeutendes Thema... Gut geschrieben. Ich denke, dass es bei dieser Angst noch um vile mehr geht, sie taucht ja nicht nur in solchen Zusammenhängen auf, auch die Angst in anderen Bereichen zu kurz zu kommen kenne ich ab und zu. Ich denke das Wichtigste ist, dass wir in diesem Moment erkenne, was eigentlich die Motivation für unser Handel ist - die Angst. Dann können wir es leicht loslassen.

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