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Jetzt wird getanzt und sich gedreht!

Wir sitzen bei einem Glas Eistee, für mich Ginger Ale, zusammen und sinnieren über all die verrückten Dinge, die wir früher einmal gemacht und viel zu lange nicht mehr getan haben. 

"Das kann man eigentlich niemanden erzählen, so verrückt ist es." 
"Gar nicht verrückt. Jugendliche Leichtsinnigkeit. Weißt du, manchmal vermisse ich das." 
"Was?" 
"Na dieses einfach mal machen. Ohne Kopf, ohne alles zu zerdenken, ohne monatelang zu planen. Früher haben wir viel mehr im Moment gelebt."
"Ja, da hatten wir ja auch noch keine Verpflichtungen. Wie soll das denn heute klappen? Da ist der Job und das Baby. Dann sind da noch Familie, Besuche, Wohnungen, Rechnungen und Co. Ganz andere Ausgangsbedingungen."
"Ja, ich weiß. Aber trotzdem. Ist es nicht unglaublich schade, dass all diese erwachsenen Dinge uns dieser unbeschwerten Leichtigkeit berauben? Natürlich, wir haben Fehler gemacht, aber die machen doch alle. Und bei einigen Aktionen würde ich mir wünschen, wir hätten vorher unser Hirn eingeschaltet. Und doch: Ich vermisse das. Dieses einfach machen. Einfach leben. Ohne sich ständig selbst auszubremsen." 
"Fühlst du dich denn ausgebremst?" 
"Nein, eigentlich nicht. Das Leben zieht ja nur so an einem vorbei und gut zu tun ist immer. Mir geht es vielmehr um diese verdammte Ernsthaftigkeit. Warum fühlt sich dieses Erwachsenenleben nur so furchtbar durchgeplant an. Irgendwie vorhersehbar. Versteh mich nicht falsch, ich fühle mich wohl, komme langsam an und hole mir, was ich will. Aber mit jedem Schritt mehr, spüre ich die Leichtigkeit von dannen ziehen und das finde ich schade. Wir sollten sie uns zurückerobern!" 
"Meinst du, das geht so einfach? Ist das nicht vielmehr so, als würde man Theater spielen?"
"Anfangs vielleicht. Aber wenn wir bei kleinen Dingen beginnen, die sich erstmal ein wenig irre anfühlen, schwappt das Ganze vielleicht wellenartig auf den Rest über. Ich will ja auch nicht gleich meine Vernunft und dieses Erwachsenending über Bord werfen, dafür fühlt es sich viel zu gut an, viel zu eigenständig, viel zu selbstbestimmt und mein Teenie-Ich muss ich auch nicht unbedingt auf Dauer wieder ertragen. Aber ein bisschen mehr Unvorhersehbarkeit, ein bisschen mehr Nervenkitzel und fragwürdige Ideen dürfen es schon sein. Du weißt schon, die nötige Prise Pfeffer."






"Wirf dir dein weißes Kleid über und komm mit!", hat er gesagt. "Und jetzt die Schuhe ausziehen. Fühl doch mal das Gras. Lass die Vernunft und die Zweifel Zuhause. Sei leicht, wage den Sprung. Schüttele Sorgen, Ängste und Druck von dir. Wie das am besten geht? Stell dich hin. Ja, dort. Genau auf diesen warmen Stein. Und jetzt: drehen. Jetzt wird getanzt und sich gedreht! Ja, natürlich sieht das albern aus, aber nur für die, die es nicht verstehen. Manchmal muss man tanzen, um Energien frei zu setzen."

"Und danach?", frage ich kopfschüttelnd. "Das ist doch bekloppt!"

"Du wirst schon sehen!"

Also drehe ich mich und beobachte wie die Spitze meines weißen Kleides mit den Lichtpunkten der Sonne um die Wette tanzt. Fühle mich wie eine Marionette. Ein wenig hölzern, ein wenig eingerostet. Dabei konnte ich das doch mal so gut. Während meine Gedanken schon wieder einmal abschweifen wollen zu all den To Dos, die in dieser wertvollen Zeit besser erledigt werden wollen statt dieses alberne Tänzchen aufzuführen, zu den Verpflichtungen, der Verantwortung, spüre ich bei der nächsten Drehung ein leises Kitzeln. Hey, da war doch was. Fühle mich kindisch, werfe aber bei der dritten Umdrehung die Arme von mir. Werde schneller, komme ins Straucheln, werde noch schneller, falle um. Setze von vorne an. Löse die Haare, lasse sie im Wind tanzen und sehe das Grün an mir vorbeirauschen, bis meine Ohren klingeln. Ich glaube, das ist sie. Diese Leichtigkeit, diese Unbeschwertheit von der wir neulich sprachen und die ich jetzt nur allzu deutlich als irres Kribbeln auf meiner Haut und in meinen Gliedmaßen spüre. Und just in dem Moment überrollt sie mich. So unerwartet, so heftig, dass ich vor Freude japse und mich ins feuchte Gras plumpsen lasse. Keine Last der Verantwortung, keine Rechtfertigung und schon gar keine lähmende Vernunft. 

Manchmal muss man tanzen, um Energien frei zu setzen. Und wieder klar zu denken.





Ich strecke die Arme und Beine von mir, denke nicht an die möglichen Grasflecken im weißen Kleid, schaue in den blauen Himmel und zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit fallen mir die weißen Wolkenformationen wieder auf. Wann haben wir aufgehört, Dinge in ihnen zu sehen? Verrückte Tiere, merkwürdige Monster. Das hier. Sommer. Diese Wärme. Dieses alberne Spiel mit den Drehungen. Das ist ein Vorgeschmack, eine Facette der Leichtigkeit.

Ich brauche keine verrückten Vorhaben, keine wahnwitzigen und naiven Ideen. Aber ich brauche mehr hiervon. Loslassen zu können, sich treiben zu lassen, den Kopf völlig frei zu kriegen.


Kurz einmal zu vergessen, welche Aufgaben und Verantwortung auf einen wartet, wenn die Haustür ins Schloss fällt. Sondern einfach nur im Hier und Jetzt zu leben. Etwas tun, das anfangs völlig absurd erscheint, um wenig später ein berauschendes Gefühl von Freiheit zu verleihen. Luft zum Atmen.

Ich habe mich verändert, das merke ich schon lange. Das, was mich bewegt, hat sich verändert. Klar, mein Sturkopf, meine brennende Leidenschaft, mein manchmal alberner Optimismus sind geblieben, aber da ist eben auch diese Ernsthaftigkeit. Und ich bin empfindlicher geworden. Verletzlicher. Durch dich. So ist das eben, wenn man sein Herz auf einmal draußen trägt. Es ist sichtbarer, fühlbarer. Will beschützt werden und ich schütze es wie eine Löwin. Vergesse dabei jedoch zuweilen, zu atmen. Diese Leichtigkeit. Dieses beschwingte Drehen. Einfach so. Stattdessen werden sie von Routinen, Muster und Struktur gefressen. Manchmal, als würde man nur noch funktionieren, Tage abhaken und dabei ganz vergessen, wofür man eigentlich lebt. Diese Leichtigkeit. Dieses beschwingte Drehen und definitiv nicht die Dinge, die sich nur vernünftig anfühlen, im Bauch aber eine Leere hinterlassen. 



Die Sache mit dem Erwachsensein ist ja die, dass wir häufig beginnen zu funktionieren. Machen, was von uns erwartet wird. Uns wie im Hamsterrad drehen, um den eigenen viel zu hoch gesteckten Maßstäben gerecht zu werden. Zielsicher und ehrgeizig nach vorne schreiten, um Punkte auf der Lebensliste abzuhaken. Im besten Fall geschieht dies mit unbändiger Freude, die auch ich empfinde, aber diese Dinge rauben einem dennoch den Blick für das Alberne, das Kindliche, das Naive, Ungezwungene. Die unberechenbare Leichtigkeit ist uns auf dem Weg auf Kosten der Vernunft, auf Kosten der Erwartungshaltungen anderer, auf Kosten der sicheren Entscheidungen, der geradlinigen Wege abhanden gekommen. Beim einen mehr, beim anderen weniger.

Erwachsensein macht ernst. Weil nicht alles rosarot ist. Weil wir reale Probleme mit uns herumschleppen. Wir wir alle auf unsere Weise kämpfen.

Weil diese Leichtigkeit nicht mehr täglich an der Tagesordnung steht, uns nicht immer natürlich zufällt wie früher. Weil wir eben mehr Bälle jonglieren müssen, weil wir nicht mehr nur einen kleinen Radius haben, in dem wir uns bewegen.

Weil das eben das Leben ist. 


Weil wir unsere Sorgen nicht wie früher einfach wegtanzen können, da sie andere Dimensionen angenommen haben. Ein "er schreibt nicht mehr zurück" oder die 4 in der Matheklausur sind eben nicht zu vergleichen mit einem "Was wird nur nächstes Jahr aus mir werden?", "Wie finanziere ich das kaputte Auto?" oder "Wie soll ich nur über den Verlust hinwegkommen?" Vielmehr bedeutet es Arbeit, diese Leichtigkeit aufrecht zu erhalten, sich an sie zu erinnern und immer und immer wieder hervorzukitzeln. Bis sie sich von ganz allein in unsere Herzen und unseren Alltag einschleicht und es sich anfühlt, als wäre sie nie weg gewesen.



"Danke", sage ich.

"Wofür?"

"Dafür, dass du mir meine Leichtigkeit ins Gedächtnis gerufen hast. Dass ich spüren konnte, dass sie noch da ist und in mir schlummert. Ich mich nur immer und immer wieder daran erinnern muss, es zuzulassen. Frei sein. Wild. Das ist ein Gefühl. Tief in mir drinnen. Und das ändert sich nicht einfach so. Nicht durch diese Erwachsenendinge. Nicht durch Steuern, Windelchaos, Rechnungen, Deadlines und Co. Aber wenn es nicht regelmäßig an die Oberfläche getragen wird, ja ein wenig Auslauf bekommt, verstaubt dieses Gefühl. Wird Schicht um Schicht von  Alltagsdingen überlagert, bis es sich eigenartig fremd anfühlt. Bis es von Ernsthaftigkeit und Pflichtgefühl zerfressen wird. Danke also, dass du meine Leichtigkeit ans Tageslicht befördert hast."

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24 Kommentare

  1. danke, danke, danke für diesen text!
    so schön und wahr!

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    1. Ach, das freut mich. Ich danke dir für deine lieben Worte <3

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  2. Wunderschöne Fotos zu einem tollen Text! Mehr kann ich dazu nicht sagen, sehr wahr...

    Ganz liebe Grüße,

    Tabea
    http://tabsstyle.com

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  3. Was für ein schöner Post! Und ich wünschte mir würden Haarbänder auch so gut stehen :)
    Liebe Grüße aus Leipzig

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    1. Liebsten Dank, Anna <3 Und liebe Grüße ins schöne Leipzig!

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  4. DANKE!!

    Mit Deinem Post wird mir mal wieder bewusst, dass mir und meinem Mann auch ganz oft die Leichtigkeit fehlt...irgendwie ist sie im Laufe der Jahre nach und nach verloren gegangen. Und da ich im 4 Monat schwanger bin, möchte ich gerne vor unserer neuen Lebensaufgabe mal wieder öfters "los lassen"!!

    Vielen Dank für diesen tollen Post - den Link leite ich sofort an meinem Mann weiter!! :-)

    Liebste Grüße
    Kathi

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    1. Oh wow, vielen Dank für das tolle Feedback, Kathi. Ich hoffe sehr, dass ihr die Leichtigkeit wiederfindet, euch öfter bewusst macht und sie mit in die Zukunft nehmen könnt.
      Liebste Grüße

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  5. Also wenn du in Zukunft Lust hast Bücher zu schreiben - ich würde sie kaufen! ;D

    Als ich neulich mit dem Kinderwagen an einem Spielplatz vorbeikam konnte ich einfach nicht an der Schaukel vorbeigehen. Die Maus schlief und ich dachte mir jetzt oder nie. Das war denk ich auch so ein Moment, wie du ihn beschreibst. Einfach mal für ein paar Minuten ausbrechen aus dem Erwachsenenleben und mal wieder Kind sein. Ich war allerdings trotzdem froh, dass der Spielplatz leer war und mich keiner gesehen hat. :D

    Ganz liebe Grüße,
    Mia

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    1. Oh wie lieb von dir, Mia :) Für Bücher reicht es aber mit Sicherheit nicht :D
      Und dein Spielpatz-Moment klingt GENAU nach der beschriebenen Leichtigkeit. Ist doch super! Mich kribbelt es ja immer in den Fingern, auf eine Hüpfburg zu steigen. Aber ich glaube, da werden Erwachsene nur rausgeworfen... schade eigentlich. Ich war schon eeewig nicht mehr auf einer Hüpfburg und hätte riesig Lust darauf.
      Liebste Grüße

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  6. Hallo Yasmin
    Was für ein wundervoller Post und traumhaft schöne Bilder! Wirklich unglaublich. Ihr konntet die Leichtigkeit super in den Fotos einfangen!
    LG Jasi
    www.marmormaedchen.ch

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    1. Vielen vielen Dank für das tolle Feedback :) Wir freuen uns riesig <3

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  7. Wahnsinnig schöner Text! <3
    Ohja, auf Hüpfburg hätte ich auch Lust - auf dem Sommerfest der Phil Fak I gab es zuletzt Hüpfburgen für Groß und Klein. Vllt wäre ich doch mal hingefahren!
    Ich glaube, ich werde morgen auch mal eine Runde tanzen gehen, obwohl ich lernen muss :D

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    1. Mach das, Jasmin! Und vielen vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Das bedeutet mir viel ☺️

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  8. Dein Text ist wirklich wundervoll geschrieben! Außerdem sind die Bilder echt schön geworden! Man merkt, dass du in dem Moment einfach mal die Gedanken an all die Dinge, die erledigt werden müssen, auf die Seite gelegt hast.

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    1. So war es angedacht und freut mich natürlich riesig, dass die Stimmung richtig eingefangen wurde. Vielen Dank für dein Feedback ☺️

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  9. Mir fehlen die Worte! Unglaublich schön geschrieben und inhaltlich finde ich mich auch total wieder - danke für diesen schönen Text!

    Und die Bilder sind auch passend und traumhaft schön wie immer!

    ❤ Liebste Grüße und schönen Start ins Wochenende ❤
    Conny von conniemarrongranizo.at
    Personal Austrian Blog about Fashion | Beauty | Lifestyle | Food | and more

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    1. Ich danke dir von Herzen, dass du dir die Zeit genommen hast für dieses liebe Feedback ❤️☺️

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  10. Ein grandioser Text! Dein Kleid gefällt mir total gut (ich brauche auch noch unbedingt ein weißes Kleid) :-*

    viele liebe Grüße
    Melanie / www.goldzeitblog.de

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    1. Vielen lieben Dank, Melanie :) das Kleid habe ich aus dem zara SALE, sollte es sogar noch geben ;)

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  11. ok, wow. ich bin sonst eher eine stille mitleserin aber dieser artikel muss einfach gewürdigt werden! so toll geschrieben und so wahr <3
    glaube ich muss mir diesen text in zukunft immer mal wieder durchlesen, damit man daran erinnert wird sich ein kleines bisschen dieser leichtigkeit wieder zu holen :)
    alles liebe!

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    1. Ach das freut mich riesig, dass du dir die Mühe gemacht hast, um zu kommentieren :) so macht das Verfassen solcher Texte noch viel Spaß, wenn ihr mir so viel zurückgebt ❤️ herzlichen Dank also dafür

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  12. Ich glaube dein Text spricht jeden von uns an und es ist leider wahr, dass mit dem Erwachsenwerden diese kindliche Leichtigkeit immer mehr verschwindet. Ich vermisse es, als Kind unbeschwert in den Tag hineinzuleben und keine Verpflichtungen zu haben. Aber so wie du es bereits sagst, das Leben ist nun mal so und man sollte versuchen, das Beste daraus zu machen. Ab und zu sollte man diese kindliche Leichtigkeit wecken und sich dann wieder dem Ernst des Lebens widmen! :D

    Ganz liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
    Amy.

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  13. Ein wunderbarer Post!! :) Und die Bilder dazu sind ein Traum. <3 Alles Liebe!

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