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Hat mich die Schwangerschaft verändert?

Die meisten Texte beginnen irgendwann mit kleinen Gedankenfetzen, die ich über Wochen an diversen Orten sammle, eilig in meine Notizen kritzele, bei Gelegenheit aus- und überarbeite oder aber komplett verwerfe.
Seit Beginn meiner Schwangerschaft versteckt sich ein solcher Textfetzen in meinen Entwürfen, bei dem ich nie so recht wusste, ob ich ihn veröffentlichen sollte. Weil er albern war und dann doch irgendwie nicht, beschäftigte er sich eben mit meinen innersten Gedanken und Unsicherheiten am Anfang dieser Reise. In diesem Schnipsel ging es um meine Angst, mich während der Schwangerschaft zu sehr zu verändern. 

Ob man Veränderungen als positiv oder negativ aufnimmt, hat immer etwas mit der Perspektive zu tun. In den meisten Fällen werden sie als unangenehm, ja unbequem aufgefasst. Man wird gezwungen, aus seinem gewohnten Umfeld auszubrechen, seine geliebten Routinen aufzulösen und das, obwohl vielleicht gerade alles so reibungslos läuft. Wir Menschen neigen dazu, uns vor ihnen zu verschließen. Aus Prinzip, purer Sturheit. Weil das vorher so viel gemütlicher war, als abzuwägen, was danach vielleicht für Überraschungen bereit stehen. 


Veränderungen bedeutungen immer auch ein Voranschreiten. Fortschritt.

Weitergehen,  indem man nicht die immer gleichen Wege wählt, sondern sich auf neue Situationen einlässt, sie bewusst erzwingt oder völlig zufällig hineingerät. Man arbeitet sich wie bei einem Spiel durch unbekannte Hindernisse, ist im Optimalfall umso stolzer, etwas Anderes ausprobiert zu haben und wenn sind wir ehrlich: wenn es total in die Hose geht, ist es ja meist doch nicht so schlimm. Um eine Erfahrung sind wir in jedem Fall reicher.

Aber kommen wir zurück zum Ausgangspunkt. Ich, die sonst relativ offen ist und Veränderungen in der Regel als eine Chance wahrnimmt, etwas nachhaltig und positiv nach meinem ganz eigenen Ermessen umzugestalten, hatte plötzlich Angst vor ihr. Wovor aber genau? 

Wird die Schwangerschaft meine Persönlichkeit komplett umkrempeln und erkenne ich mich danach überhaupt noch wieder?


Damals gingen mir Gedanken durch den Kopf wie etwa, durch die auf mich zukommende neue Rolle als Mama zu sehr von meinem Ich abzuweichen, plötzlich zu einer Helikoptermom zu mutieren und nichts anderes mehr zu kennen. Diesen berühmten Satz zu sagen, dass ich nach der Schwangerschaft eine ganz andere sei und meine Welt sich komplett verändert hätte und erst das Kind mich vervollständigen würde. Ich weiß nicht einmal genau, woher dieser Gedanke kam, aber ich hatte Angst, mich selbst in der Schwangerschaft, die ich eigentlich als etwas so Wunderschönes ansah, zu verlieren. Meine bis dahin aufgebaute Persönlichkeit mitsamt ihren bunten Facetten aufzugeben, Stück für Stück abzulegen und mit einer neuen zu ersetzen. Sozusagen als Preis für dieses Wunder, das in mir entsteht. Natürlich ist dies jetzt überspitzt dargestellt und ich wusste auch damals schon, dass wenn ich es wirklich will, ich an meiner Person festhalten kann und doch kamen mir diese Gedankenfetzen von Zeit zu Zeit in den Sinn. Ihr wisst schon, wie diese Frauen, die mit einem neuen Partner plötzlich von der Bildfläche verschwinden und eine 180Grad Wende im Charakter machen. 

Neue Situationen fordern unweigerlich Anpassungen unserer Persönlichkeit ein -ob nun bewusst oder unbewusst. Wir müssen lernen,  mit ihr umzugehen, reagieren. Was aber, wenn ich falsch reagiere und es im schlimmsten Fall nicht einmal merken würde? Wenn ich mich aufgrund neuer Lebensinhalte plötzlich so fern von meinem alten Ich bewegen würde, dass andere und ich mich selbst nicht mehr wiedererkennen würden?

Ich malte mir Szenarien aus, in denen ich inmitten meiner Freundinnen nur noch Ultraschallbilder umherreichte, in denen ich keine anderen Themen außer Babybauch und Erstausstattung mehr kannte, in denen mir meine früher geliebten Dinge wie der Spaß an der Mode oder dem Kochen keine Freude mehr bereiten würden, ich kein Ohr mehr für die Probleme anderer hätte, weil ich mit eigenen Dingen beschäftigt wäre. Ich stellte mir Mädelsabende vor, an denen alle anderen wie immer entspannt plaudern würden, spannende Diskussionen geführt werden und alles, was ich dazu beitragen könnte, wäre die Konsistenz der morgendlichen Bombenwindel, während meine Gedanken bereits zum nächsten Tagesplan abdriften würden.

Lese ich mir heute diese Gedankenfetzen durch, kommen sie mir vor wie von einer anderen Person geschrieben. Aber vielleicht war ich das auch, so unter dem Einfluss der am Anfang mächtig verrückt spielenden Hormone? Statt also diesen Text zu veröffentlichen, möchte ich mit etwas zeitlichen Abstand die Thematik rückblickend aufdröseln. Denn wisst ihr was? Diese Szenarien beschäftigen mich schon lange nicht mehr und ich frage mich ernsthaft, warum sie in meiner Fantasie eigentlich allesamt so einen faden Beigeschmack haben.



Natürlich hat mich die Schwangerschaft verändert.

Ich frage mich bloß, warum ich das Ganze damals trotz überschwänglicher Vorfreude so schwarz gesehen habe. Monate später sitze ich hier und ja, auch ich habe schon stolz Ultraschallbilder umhergereicht, philosophiere über Erstausstattungslisten, male mir eine bunte Zukunft aus und das inmitten meiner Mädels, die beinahe allesamt eben nicht in der gleichen Situation stecken und es trotzdem verstehen. Dass sich mein Leben verändern wird, ist unausweichlich. Ob das automatisch auch bedeutet, dass ich selbst mich zum für mich Negativen wandeln würde? Das wage ich zu bezweifeln. 

Mittlerweile sehe ich diese ganze Schwangerschaft und vor allem die neue Rolle als Mutter als großes, unbekanntes Abenteuer an. Es ist eine Chance neue Facetten an mir und meinem Umfeld zu entdecken. Statt der radikalen Vorstellung, dass sich eine Persönlichkeit durch einschneidende Großerlebnisse des Lebens völlig verwandelt, ist es doch vielmehr ein Wachstumsprozess.

Unsere Persönlichkeit ist die Summe der gesammelten Erfahrungen - ganz egal, ob positiv oder negativ.

Schicht um Schicht umhüllen sie uns, manche Facetten kommen hinzu, andere fallen nach einiger Zeit ganz von selbst ab, wieder andere lassen sich nur schwerlich lösen. Das Muttersein wird neue Schichten hervorbringen, die mich vermutlich staunen lassen, ich werde mich in einigen Punkten mit Sicherheit weiter von meinem alten Ich entfernen, als mir lieb ist, dafür an anderen Stellen dazugewinnen. Schicht um Schicht. Der Kern bleibt aber der gleiche. Unerschütterlich. Offen für Neues, immer wieder für eine Überraschung gut. Wenn ich es so will.

So sitze ich nun wenige Wochen vor der Geburt hier und mir machen diese Veränderungen keine Angst mehr. Denn ich sehe, dass sie schon jetzt etwas in mir bewirkt haben. Erst kürzlich hielt ich ein Vergleichsfoto in der Hand - eines aus der Zeit, in der die obigen Gedanken entstanden sind und eines von vor drei Wochen. Die selbe Frau, die selbe Pose und doch ein meilenweiter Unterschied. Ich kann nicht einmal genau sagen, woran ich es festmache, aber es ist der Blick, die Ausstrahlung. Ein Gefühl, das ich ganz tief in mir spüre. 





Ich bin selbstsicherer geworden, stehe öfter für meine Wünsche und Ansichten ein, ich fühle mich geerdeter, irgendwie reifer. Habe das tiefe Bedürfnis, das, was mein ist, zu schützen. Übernehme schon jetzt mehr Verantwortung für ein Lebewesen, das mich so dringend braucht, obwohl es noch nicht einmal auf der Welt ist. Ich höre meinen Körper stärker als jemals zuvor. Höre in ihn hinein und habe eine Art Urvertrauen in ihn. Das erste Mal in meinem Leben. Und klar rede auch ich ständig über Babythemen, aber auch das ist nach der anfänglichen Aufregung abgeklungen. Ich habe mehr Respekt gewonnen. Vor mir, meinen Entscheidungen, meinem Körper, dem Wunder des Lebens selbst und betrachte es nicht mehr als selbstverständlich.

Das soll keineswegs heißen, dass es einer Schwangerschaft bzw. dem Muttersein bedarf, um sich vollständig oder vielleicht auch erwachsener zu fühlen. Für mich hat es aber etwas in Bewegung gesetzt. Es war ein Auslöser, mich intensiver als jemals zuvor mit mir, meinen Wünschen, Sorgen, Ängsten und Hoffnungen für die Zukunft auseinanderzusetzen. Und ich bin der festen Überzeugung, dass eine Schwangerschaft nur eines von vielen einschneidenden Erlebnissen ist, die Reaktionen erfordern und größere Veränderungen in uns hervorrufen.

Bei euch ist es vielleicht die berufliche Anpassung, die bevorsteht und euch im Ungewissen lässt oder das Gefühl, nicht zu wissen, wohin euch euer Leben die nächsten Monate führt. Vielleicht müsst ihr euch aber auch mit schmerzenden Einschnitten auseinandersetzen. Krankheit, Tod, das Gefühl verlassen zu werden. All das sind Großereignisse, die etwas in uns auslösen, regen, die Handlungen erzwingen und unsere Persönlichkeit formen. Wir bereiten uns mental so gut es geht darauf vor und können uns dennoch nie vollständig vorstellen, wie diese andere Version unserer selbst aussehen wird. Was auf uns zukommt. Statt sie aber im Vorfeld zu verteufeln oder zu fürchten, können wir sie als Lektionen anerkennen und sollten wir irgendwann einmal in eine Richtung abdriften, die uns so gar nicht gefällt, haben wir es selbst in der Hand, dagegen zu steuern.

Nun ist diese Reise längst nicht vorbei, ja hat gerade erst begonnen und wer weiß, wie ich mich in einem halben Jahr verändert habe durch die Mutterrolle. Ich weiß allerdings, dass es an mir selbst liegt, ob und inwiefern ich mein altes Ich ablege oder einfach mitnehme und neue Facetten hinzufüge, die ein insgesamt noch bunteres Bild ergeben könnten.

Dieses Bild erinnert ein wenig an ein Mosaik. Roh, unvollständig, jederzeit erweiterbar. Ich hatte niemals das Gefühl, das ein Steinchen fehlen würde und doch bietet es Optionen der beliebigen Ergänzung. Ich bin gespannt, welche Farben und Formen noch auf mich warten, zu welchen ich dann greife und wie am Ende mein persönliches Gesamtbild aussehen wird. Ein Prozess, der nicht das Auslöschen des bereits dagewesenen Motivs erfordert. Das weiß ich mittlerweile. 

Gab es in eurem Leben bisher schon einmal ein einschneidendes Erlebnis, das euch nachhaltig  verändert und euch sehr stark in eurer heutigen Persönlichkeit geprägt hat? 




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3 Kommentare

  1. Sehr schöner Text... bei der Überschrift dachte ich, du meinst deine kleine Maus, aber klar, es trifft irgendwo auf jeden von uns zu!
    Ich bin gespannt, was die nächste Zeit für uns bereit hält. Heute ist jeder Tag schon spannend, wie verändert sich der Körper; wie geht es einem; kommen neue 'Wehwehchen' dazu; gibt es keinen Kick oder Hieb in unbekannte innere Regionen; wie verformt sich der Bauch, wenn der Kleine sich bewegt... Und bald wird es noch viel spannender!!!
    Liebe Grüße, Katha
    PS: das Paar-Babybauch-Bild ist so toll!

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  2. Ein wunderschöner Text, den ich wirklich 1:1 so unterschreiben kann!
    ich bin ebenfalls im 5. Monat schwanger und hatte wirklich fast die gleichen Gedanken wie du! Werde ich noch andere Themen haben, wenden sich vielleicht Freunde ab, weil ich nur noch Babykram im Kopf habe usw.
    Im Endeffekt hat sich aber gar nicht so viel verändert in meinem Freundeskreis. Ich persönlich habe mich aber schon verändert, denn ich habe gelernt mehr auf mich und meine Bedürfnisse zu achten und ich hoffe, das ich das in nächster ZEit noch intensiver ausbauen kann!
    Liebe Grüße
    Jenny

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  3. Bei mir war es der Tod meiner Mutter kurz vor meinem 16 Geburtstag der mich geprägt und nachhaltig verändert hat. Ich hatte plötzlich Angst uber Nacht erwachsen geworden zu sein und ob ich jetzt noch mit Leichtigkeit und Unbeschwertheit, manchmal Naivität durchs Leben gehen kann. Das musste und wollte ich mir zurück erkämpfen. Denn so wichtig es ist bewusst zu Leben, so wichtig ist auch die Impulsivität und das mal keine Gedanken mschen

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