featured Gedanken

"perfekt" vs. authentisch - wie wirkt man online & geht beides?

Weiter geht es mit Teil II der Gedankengänge vom Sonntag. Bevor ich die jedoch auspacke, wollte ich euch für euer durchweg positives Feedback zum Post danken, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Die Diskussion hat mich in jedem Fall in dem Gedanken bestärkt, dass Selbst- und Fremdwahrnehmung manchmal ganz schön weit auseinanderdriften und wir selbst vielleicht zu streng mit uns ins Gericht gehen? Das zumindest war ein Punkt, den ich häufiger gelesen habe. Den nötigen Abstand zu gewinnen, um einen klareren Blick für sich selbst zu bekommen, ist demnach wirklich essentiell.

Nun hatte ich euch versprochen, das Ergebnis der Diskussion mit Luise - die ja letztlich Auslöser für diesen Gedankengang war - auszuführen. Viele sagten, dass der Blog neben der Vielfalt und Authentizität von den schönen Fotos leben würde. Luise hat das Ganze folgendermaßen beschrieben: im Gegensatz zu ihr würde ich online perfekt wirken. Ein Satz, den ich erstmal verarbeiten musste und die folgenden Gedankengänge zu Tage führte.

Unbestreitbar haben Stefan und ich einen Hang zum Perfektionismus, wenn es um den Job geht. Ich sagte ja schon öfter, dass ich privat ein absoluter Chaot bin, unaufgeräumt und unstrukturiert vorgehe. Warum ihr das hier nicht zu sehen bekommt, außer in Worten? Nicht etwa weil ich es peinlich finde, sondern einfach, weil nicht jeder Aspekt des Privatlebens etwas auf dem Blog zu suchen hat, aber - und das ist der wichtigste Punkt: weil es einfach hässlich und nicht mit meinem ästhetischen Empfinden vereinbar ist. 

Darüber hinaus behaupte ich jetzt ganz frech, dass wir beide ein hohes ästhetisches Empfinden besitzen - rein intuitiv. Nicht umsonst strebt Stefan genau darauf aufbauend eine Karriere an und dementsprechend hoch ist der Anspruch an unsere Fotografien, die dennoch so viel Verbesserungspotential hätten. Ob wir deswegen komplett durchgeplant an die Sache herangehen? Keineswegs! Instagram ist womöglich das Medium, das am konstruiertesten ist, was Helligkeit und Position angeht und doch ist auch das echt, denn mein gezeigtes Müsli landet trotzdem in meinem Magen, die Klamotte trage ich so zu 100% im Alltag, ich mache euch da nichts vor. Klar bevorzuge ich den hellen Hintergrund, aber das erfolgt aufgrund des ästhetischen Empfindens. Wenn ich weiß, dass ich fix mein Frühstück fotografieren will, stelle ich es automatisch auf einen hellen Tisch und drapiere es ansprechend. Ebenso passieren Dinge wie Bildausschnitt, Pose, Motivwahl der Blogfotos intuitiv. Hättet ihr z.B. gedacht, dass die Fotos der Weekend in Pictures Serie allesamt Schnappschüsse sind? Statt also alles konkret durchzuplanen, besitzen wir beide anscheinend ein so intuitives ästhetisches Empfinden, dass diese Bilder ohne großen Aufwand entstehen und das Verrückte ist: man kann gar nicht anders, es ist wie eine Zwangsstörung.
Hinzu kommt, dass es unser Job und gleichzeitig die größte Leidenschaft ist. Und in meinem Job gebe ich mein Bestes - ihr doch sicherlich auch? Wie bei einem echten Fotografen, lässt sich dieser Blick also nicht abschalten, man achtet auch unweigerlich auf Bildausschnitt, Licht usw. und würde nicht abschießen, wenn das nicht stimmt. 

Was das Ganze jetzt aber mit Perfektion zu tun hat? Laut Luise zieht sich eben genau diese durch den Blog wie ein roter Faden - wie es bei ihr die Authentizität ist, das Unperfekte. Und auch wenn ich bei dem Gedanken mitgehe, dass ich einen professionellen Anspruch an meine Fotos besitze (ein Punkt, der auch von euch häufig gennant wurde), sträube ich mich davor, "perfekt" zu wirken. Denn Perfektion gibt es einfach nicht. Und doch ist genau das das erste Wort, dass Luise zu mir einfiel. Aufgrund der Fotos bekäme man den Eindruck, dass ich alles im Griff hätte, ein strukturiertes, ordentliches Leben führen würde und professionell an alles herangehe. Bei dem Gedanken musste ich erstmal herzlich lachen, denn so ist es absolut nicht. Wo wir wieder bei dem Punkt wären, dass a) kein Mensch perfekt ist und b) nur weil wir eine Facette des Lebens gern perfektionistisch ausführen - in meinem Fall die Bildqualität - noch lange kein Indiz für ein perfektes Leben ist.  

Vielleicht ist das aber auch das Los der Perfektionisten? Zumindest höre ich oft, dass Menschen, die Aspekte in ihrem Leben wie den Job perfektionistisch angehen und sehr hohe Ansprüche an die eigene Arbeit haben, von anderen als unauthentisch oder gar unsympathsich und unnahbar wahrgenommen werden. Was eigentlich schade ist, da sich Perfektionismus meines Erachtens nicht in jedem Lebensbereich zeigt. 
Losgelöst von unseren eigenen Beispielblogs folgte dann also die Fragerei auf einer anderen Ebene. Wie wirken wir online durch unsere Taten, durch unsere Arbeitsweise. Wirkt man perfekt auf andere, nur weil man gerne und automatisch schöne Fotos macht und Stimmungen inszeniert? Macht es einen authentisch, weil man sein unaufgeräumtes Zimmer zeigt oder mit der Handykamera filmt? Sind das prinzipiell zwei Attribute, die nur entgegengesetzt funktionieren in dieser Onlinewelt? Kann man entweder perfekt oder authentisch wirken oder geht gar beides? Was genau bedeutet überhaupt Perfektion und Authentizität?

Für mich schließen sich beide Aspekte nicht aus. Warum soll jemand, der perfektionistisch wirkt, nicht gleichzeitig authentisch sein? Man verstellt sich ja nicht, nur weil man ein schönes Foto schießt. Oder im Umkehrschluss: wäre es für einen Mensch, der in einem Bereich perfektionistisch arbeitet, nicht erst recht unauthentisch, auf einmal auf Handyfotos zurückzugreifen und mit Absicht "unperfekte" Fotos zu schießen, um authentisch zu wirken. Das wiederum wäre für mich das schlimmere Übel, da man dann nicht man selbst wäre - der Inbegriff von Unauthentizität. 

Das Grundproblem dahinter ist vermutlich auch die größte Last des Perfektionisten. Er wird oft falsch verstanden. Die professionelle Hülle verschreckt in der Berufswelt viel zu oft und ich denke, wir alle kennen irgendwelche Kandidaten, die auf den ersten Blick perfekt, vermutlich sogar unnahbar wirkten, bei näherer Betrachtung jedoch auch bloß ganz normale Menschen sind. 
Für all diejenigen, die wiederum nicht diesen zwanghaften Drang besitzen, Dinge optimal umsetzen zu wollen (für die ich sie sehr oft beneide), ist es dann vermutlich gar nicht vorstellbar, dass solche Fotos oder auch sonstige Arbeitsweisen intuitiv entstehen. Das Ganze muss ja quasi unecht sein. 

Mein Resumee der super spannenden Diskussion? Ich bleibe dabei: es gibt keine Perfektion. Dinge, die auf die einen perfekt wirken, sind es für die anderen nicht. Authentizität zeigt sich in vielen Facetten und meiner Meinung nach schließt sich beides nicht aus. Man kann echt und authentisch sein und dennoch einen perfektionistischen Anspruch haben. 
Wobei zu bedenken ist, dass man online womöglich nie zu 100% den echten Menschen sehen wird, weil wir das Recht haben, uns einen Teil für uns und unsere Offlinebeziehungen zu bewahren und somit nur eine Version unserer Selbst preisgeben, die dennoch authentisch sein kann. Die Yasmin, die ihr hier kennenlernt, ist keine verstellte Version. Ob ihr mich deswegen zu 100% kennt? Niemals, das ist ja gar nicht möglich, da es so viele Offline-Facetten gibt, die den Mensch ausmachen, von denen ihr vermutlich nie erfahren werdet. Dafür müsstet ihr den Blogger schon im Real Life kennenlernen und dem Internetmenschen, dem ihr folgt, soweit vertrauen, dass er sich nicht verstellt und dennoch akzeptieren, dass ihr nie vollständig Einlass gewährt bekommt.
Was also von Nöten ist?  Reflexion und einen zweiten Blick auf diese Onlinewelt. Man muss den Gesamtrahmen aus Bild, Text und Bewegtbild betrachten. Mit Sicherheit steckt hinter dem schönen Bild oder chaotischem Zimmer mehr.
Was das Ganze nun noch spannender macht? Dass jeder zweite Kommentar auf den Sonntagspost von euch das Wörtchen Authentizität enthielt, um Inlovewith zu beschreiben. Und schon wieder sind wir an der Stelle, an der es chaotisch wird und ich vor Verwirrung lachen musste. Ja wie denn nun? Professionelle Fotos und doch authentisch? Handyfotos, kein perfekter Hintergrund und trotzdem durchgeplant?

Wie seht ihr das mit dem Perfektionismus und der Authentizität? Seid ihr selbst ein Mensch, der in einem Lebensbereich perfektionistisch mit hohen Ansprüchen handelt oder ist euch so etwas völlig egal? Und wie funktioniert das Ganze in der Onlinewelt. Ab wann ist eine Seite für euch authentisch, ab wann wirkt sie perfekt und/oder unnahbar?

Perfektionismus und Authentizität - schließen sie sich aus oder geht beides?

P.S. Morgen gibt es dann die restlichen Fotos des Winteroutfits zu sehen zur ganzen Abwechslung der textlastigen Posts der letzten Zeit ;)

You Might Also Like

8 Kommentare

  1. Ein sehr schönes und sympathisches Video von euch beiden :)
    Ich denke absolut genauso von dir, wie Luise. Du bist authentisch und zugleich wirkst du sehr professionell, was aber nichts Schlechtes ist. In meinen Augen stimmt bei dir aber auch einfach das Gesamtpaket, denn noch symphytischer wurdest du mir, als ich zum ersten Mal eines deiner YouTube Videos angeschaut habe.
    Da hab ich auch schon das Gegenteil erlebt. Es gab Bloggerinnen, die ich vom Schreibstil oder von der allgemeinen Art ihren Blog zu gestalten sehr gern hatte und kaum schaute ich mir ein Video an, war mir die Person unsympathisch.

    Aber bei dir ist alles super und du musst dir keine Sorgen machen, dass du trotz deinem Perfektionismus nicht authentisch bist :)

    Ganz liebe Grüße Dilara
    von www.missdilara.de

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Dilara,
      vielen Dank für dein Feedback :)
      Bezüglich der Videos gebe ich dir absolut recht, sie fügen einfach noch einen Baustein zum Gesamtbild hinzu und lassen Personen näher erscheinen. Es ist einfach persönlicher, die Person reden zu sehen und bekommt so viel besser ein Gefühl für sie.
      Ein Grundproblem der Thematik ist sicher aber auch, dass "perfekt wirken" und Professionalität oder Perfektionismus miteinander verwechselt werden. Zumindest habe ich oft das Gefühl dabei.
      Vielen Dank also für deine Worte und hab einen schönen Abend :)

      Löschen
  2. Huhu,
    ich habe vor Kurzem in meiner Masterarbeit (Blogs von Austauschschülerinnen) unter anderem auch den Aspekt der Authentizität behandelt - falls dich das auch aus wissenschaftlicher Sicht interessiert, kann ich dir da gerne ein paar Infos weiterleiten :)
    Lg

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo :)
      Das klingt super spannend. Falls du Lust hast, kannst du sie mir gerne an yassiinlovewith@yahoo.de schicken. Gerade die wissenschaftliche Perspektive interessiert mich da sehr, da ich mich mit dem Authentizitätsbegriff bereits im Geschichtsstudium auseinandergesetzt habe - da zwar wesentlich theoretischer und in einem komplett anderen Kontext als ich es hier mache, aber umso interessanter fänd ich deine Arbeit.
      Liebe Grüße

      Löschen
  3. Liebe Yasmin,
    was für ein interessanter Artikel, da ich glaube dass hierbei die Meinungen stark auseinander gehen können, da jeder Mensch sein Gegenüber (ob nun online oder offline) anders wahrnimmt.
    Ich glaube aber auch, dass perfekt wirken nichts mit Perfektionismus zu tun hat. Letzteres ist ja eine Charaktereigenschaft, die einen ebenso authentisch macht wenn man sie auslebt. Falsch würde es nur werden wenn du absichtlich qualitativ mindere Fotos zeigen würde obwohl das doch so offensichtlich gegen dein Wesen ginge. Von daher mach dir keine Sorgen. Man merkt als Leser ob sich jemand verstellt und bei dir hatte ich bisher nie das Gefühl dass du hier was vorgaukelst. Du bist eben einfach so, teilst deine schönen Dinge und kannst deswegen trotzdem echt sein.
    Von der Bildqualität auf fehlende Authentizität zu schließen finde ich sonst auch ziemlich weiter hergeholt. Das würde ja heißen dass Authentizität automatisch chaotisch unordentlich sein müsste aber das glaube ich nicht.

    Liebe Grüße Sassi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Sassi,
      gerade den Punkt bezüglich der Begriffe kann ich nur unterschreiben. Sie werden häufig verwechselt und gehen doch in so unterschiedliche Richtungen.
      Den letzten Gedanken von dir finde ich auch sehr spannend. Aber ja, wenn ich darüber nachdenke, was so allgemein in der Internetwelt als authentisch wirkt, sind das häufig die unschönen Seiten, das Chaos, Unordnung, fettige Haare, ungeschminkt sein, ungesund essen, faul sein, keinen Sport machen, offen zu sagen, was man denkt.
      Aber ich denke, dass es auch anders geht. Sonst wären ja im Umkehrschluss alle perfektionstischen Menschen, die z.B. nie ohne Makeup aus dem Haus gehen oder immer eine aufgeräumte Wohnung haben, unauthentisch. Was mich wieder dazu führt, dass Perfektionismus eben eine Charaktereigenschaft ist, wie du schon sagtest und "perfekt wirken" lediglich eine subjektive Interpretation des Betrachteten.
      Oh je jetzt hab ich mich vielleicht komisch ausgedrückt :D
      Ich hoffe, du verstehst, was ich damit meinte.
      Liebe Grüße

      Löschen
  4. Perfektionismus und der Authentizität haben für mich nicht allzu viel miteinander zu tun, jedenfalls schließen sich beide Punkte nicht aus und weil jemand schöne Fotos macht, ist die Person doch nicht nicht authentisch.

    AntwortenLöschen
  5. Super Blogposts (ich bin mal eben drübergeflogen, weil seeeehr viel Text, haha) aber ich finde Authentizität und Perfektionismus müssen sich nicht ausschließen. Im Gegenteil, wer perfektionistisch ist, ist doch authentisch in dieser Beziehung. Wenn er online nur diese Seite zeigt, dann ist das wie authentische Wahrheit für die Online Welt. Fertiiig :)

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich riesig über dein Feedback, Postwünsche oder sonstige Anmerkungen.Beleidigungen oder Anstößiges gegenüber meiner Person oder anderen Lesern sind allerdings unerwünscht und werden direkt gelöscht. Vielen lieben Dank ♥