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Und wie geht es jetzt weiter...?


...werde ich aktuell nach meinen Prüfungen häufig gefragt. Fakt ist: ich weiß es nur so ungefähr. Möchte man den zahlreichen Zeitungskolumnen Glauben schenken, macht genau dieses "Nicht-Wissen" unsere Generation aus. So langsam denke ich, dass sie Recht haben. War ich mir um die 20 absolut sicher, wohin ich gehöre und welchen Weg ich einschlage, hat sich das innerhalb weniger Jahre geändert. Der Gedanke, mit Anfang 20 wissen zu wollen, wer man ist, erscheint mir im Nachhinein lächerlich und auch wenn ich mir meine Freundinnen so ansehe, kann ich gut und gerne behaupten, dass wir zwar alle in unseren Grundzügen noch die selben, aber mittlerweile doch an ganz anderen Punkten angelangt sind.
In den letzten 5 Jahren haben wir gesehen, gefühlt, gelernt, gelitten, uns ver- und entliebt. Sind in Berührung mit der Arbeitswelt gekommen, haben Kinder gekriegt, mussten uns uns selbst stellen. Sind einmal mehr in eine Sackgasse abgebogen, die uns zwang, rückwärts zu gehen, nochmal von vorn anzufangen. Haben Entscheidungen über den Haufen geworfen und erkannt, dass wir doch genau hier hin gehören. Sind zusammengebrochen und dadurch stärker geworden - gemeinsam und doch auch jeder für sich.
Man sollte also meinen, dass wir gut vorbereitet sind, gerade Linien zu laufen und inmitten des unvorhersehbaren Lebens eine Position für uns zu finden. Und doch stolpern wir mit Mitte Zwanzig mehr als dass wir marschieren.

Lös dich von den Erwartungen anderer - mach das, was sich für dich in genau diesem Moment richtig anfühlt

Unsere Gesellschaft sieht es vor, dass man am besten noch vor dem Verlassen der Schulbank genau weiß, welchen Weg man einschlagen möchte - alle die es nicht wissen, schieben fix noch ein Auslandsjahr dazwischen. Um sich selbst zu entdecken und das Ich außerhalb des Wirkungskreises Schule und Familie kennenzulernen. Habe ich damals noch eine Augenbraue gehoben und konnte nur daran denken, dass man dabei ein Jahr Studienzeit verliert und "später fertig wird", erscheint es mir jetzt als die vernünftigste Idee. Dabei muss es nicht einmal das Ausland sein. Einfach ausbrechen und herausfinden, welche Richtung am verlockendsten klingt - ganz für sich - oder zunächst einmal zu jobben, ist meines Erachtens tausend Mal besser als einen x-beliebigen Studiengang zu wählen, weil man nichts Besseres in petto hatte und Fremderwartungen gerecht werden möchte.

Unser Ich steht ständig unter dem Einfluss der Umwelt, was sich letztlich auf unsere Interessen und auch Berufswahl auswirkt. Wir tendieren dazu - aus Unwissenheit - zu dem zu greifen, das uns vertraut ist. Magst du Bio? Dann studierst du eben Biologie! So einfach ist das. Und wenn es auch stimmt, dass es bei der Frage, was denn nun die richtige Berufswahl sei, sinnvoll ist, sich an Interessen und Hobbies zu orientieren, so irreführend können sie sein. 

Die 18jährige Yasmin war engagiert, Schülersprecherin, ich liebte es zu organisieren, liebte die Schule, hatte zahlreiche Lieblingsfächer und ein Händchen für Vorträge. Bewegte mich also in einem sehr stark ausgeprägten schulischen Wirkungskreis und trauerte dem noch eine ganze Zeit lang hinterher. Konnte mich nicht lösen, weil ich genau in dem Gebiet funktionierte. Hier fühlte ich mich sicher. Die Konsequenz, einfach Lehrerin zu werden, war dementsprechend naheliegend. Warum auch nicht? So sehr ich die Berufswahl auch jetzt noch zu 100% passend finde, gibt es da dennoch die andere Seite in mir. Die, die sich fragte, was es noch gäbe. Ob da draußen nicht noch so viel mehr wartet. Wie mein Ich wäre, wenn ich beim Austritt der Schule einen anderen Weg gewählt hätte. Und die Erkenntnis, dass ich all das noch kann und bereits tue: offen sein, entdecken, mich vom Weg abbringen lassen, mal hier und da einen Schlenker wagen.

Kann mich nicht entscheiden, weil alle Wege offen stehen. Will zu viel und dann doch wieder nur eins. Glücklich sein.

Mein Herz schlägt für viele Dinge und manchmal habe ich das Gefühl, dass mir das eines Tages das Genick bricht - oder aber Möglichkeiten offenhält. Wenn man ein sehr leidenschaftlich-euphorischer Mensch ist, neigt man dazu, überzusprudeln, nicht nur einen Pfad zu verfolgen. Plane ich also meine Zukunft, gibt es mehrere Optionen, die nebeneinander stehen und in meinem Kopf gleichermaßen schillernd funktionieren. Auf die ich mich freuen würde, die mich beim bloßen Gedanken von innen heraus zufriedenstellen. Ich kann mich nicht entscheiden, weil mir alle Wege offen stehen. Will zu viel und dann doch wieder nur eins. Glücklich sein.

 Letztlich versuchen wir doch alle nur, unser wackliges Haus aufzubauen, obwohl wir miese Architekten sind...

Noch während ich diese Zeilen tippe, muss ich über mich selbst schmunzeln, stelle ich mir die gleichen Fragen, kämpfe mit den selben Zweifeln wie viele Generationen vor mir und von denen ich mir sicher war, dass ich sie umschiffen könnte. Wie naiv! 
Quarter Life Crisis ist das neue Trendwort, um dieses Phänomen zu beschreiben - jeder hat sie, wenn er es auch nicht zugeben mag.
Wir bauen unser Fundament auf Pfeilern auf, die sich in den Zwanzigern bilden und in den vielen darauffolgenden Jahrzehnten ausgebaut werden. Manch einer hat das Glück und steht bereits auf vier Beinen, wacklig zwar, aber er steht. Ein anderer hat gerade mal die einzelnen Steine beisammen, während einem Dritten wiederum nur die Tür fehlt. Wie genau dieses Haus aussehen soll, ist natürlich ganz unterschiedlich und auch die Geschwindigkeit variiert.
Die Sorgen und Ängste eines Mittzwanziger bleiben aber immer die gleichen, lediglich in anderen Nuancen. Wer das Glück hat, eine gut funktionierende Beziehung zu führen, fühlt sich womöglich im Berufsdschungel absolut überfordert - weiß nicht, wo er hingehört und wie er die Monatsmiete zahlen soll. Andere wiederum stehen beruflich auf festen Beinen, haben sich etwas aufgebaut, sind erfüllt, fühlen sich aber allein und sehnen sich nach ein bisschen Nähe, einem Menschen, mit dem sie die Errungenschaften teilen können. Wieder andere grübeln über Mutterrollen nach und den "perfekten" Zeitpunkt für Nachwuchs - fragen sich, ob sie überhaupt eine gute Mutter sein und ihrem Kind gerecht werden können. Die Konstellationen dieses Haben und Nicht-Habens sind dabei so vielfältig wie die Lebensmodelle. Und versuchen wir nicht alle, unser wackliges Haus aufzubauen, obwohl wir miserable Architekten sind? Was jedoch zählt, ist, dass es letztlich steht. Ob nun auf drei oder vier Beinen - hauptsache wir erkennen uns darin wieder.

Wenn eine Wand rausgerissen werden musste, weil man im Nachhinein festgestellt hat, dass sie nicht passt, ist das auch in Ordnung. Diese vielen Maserungen, kleinen Macken und Bauschäden sind nun einmal Teil des Ganzen. Würden wir uns doch einmal von dem konventionellen Weg lösen, aufhören, die Häuser der anderen mit unserem zu vergleichen. Würden wir doch nicht nur die glänzende Fassade des Nachbarn sehen, sondern auch den vielen Dreck und Schweiß, den es benötigte, um es zu erstellen.
Der Schlüssel zum erfolgreichen Hausbau - wie auch immer man persönlich diesen Erfolg definiert - liegt meines Erachtens darin, die versteckten Gelegenheiten zu erkennen und beim Schopf zu packen. Für jeden gibt es einen Traumjob, eine Nische, einen Partner, ein Lebensmodell, ein Haus - eine Chance, sich auszuleben. Dabei muss man nicht einmal wissen, wer man ist und was man will. Oftmals reicht es schon zu wissen, was man nicht will und darauf aufbauend Stein für Stein schichtet.


Das Stadium der Selbstfindung, Zweifel und Überforderung bei all den Möglichkeiten gehört zum Erwachsenwerden dazu. Mittlerweile glaube ich ganz gut zu wissen, welche Aspekte mein Haus bereits beinhaltet bzw. beinhalten soll. Wenn ihr also Interesse daran habt, könnte ich in Zukunft gerne näher darauf eingehen, welche Strategien mir bei der Wahl und Ausgestaltung einzelner Pfeiler wie Job, Partnerschaft oder auch der Frage nach Nachwuchs helfen und sich Stück für Stück zu einem - meinem- Lebensmodell fügen.

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10 Kommentare

  1. Deine Aspekte finde ich mega spannend und ich bin sicher, das jeder Mensch sich seine Pfeiler wiederum nach anderen, eigenen Aspekten aussucht!
    Auch bei mir war ich mir immer sicher Lehrerin werden zu wollen. Ein fehlender Studienplatz hat mir das genommen und nun habe ich eine recht gute Position in der Vertragsabteilung eines Medienunternehmens, habe vergangenes Jahr geheiratet und im Dezember ein Haus gekauft. Für den einen sieht das von außen ziemlich perfekt aus, für einen anderen wieder super langweilig und gruselig! Es ist ganz wichtig einfach auf sich selbst zu hören!
    LG Jenny

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    1. Liebe Jenny,
      vielen Dank für dein Feedback. Gerade deine letzten Sätze kann ich absolut unterschreiben. Was für den einen ganz toll ist, muss für den anderen nicht das Gleiche bedeuten und umgekehrt. Man sollte sich demnach auch nicht von den Lebensmodellen anderer einschüchtern lassen und versuchen, auf seine eigene innere Stimme zu hören. Meist sagt einem ja das Gefühl doch schon, ob man auf dem richtigen Weg ist. Viel Erfolg dir noch weiterhin im Job :)

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  2. Liebe Yasmin, da ging es mir wohl ähnlich wie dir. Während meiner Schulzeit gab es nur ein Berufsziel-Lehrerin für Deutsch und Geschichte. Heute wo ich kurz vor meinem Masterabschluss stehe bin ich mir da gar nicht mehr so sicher. Wenn man "älter" wird, werden einem wohl auch die vielen tollen und erfüllenden Alternativen bewusst. Ich wünsche dir auf jeden Fall Glück auf deinem weiteren Weg :)

    Liebe Grüsse
    Sonja

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    1. Liebe Sonja,
      dieses Nicht-Sicher-Sein kenne ich zu gut, wobei ich glaube, dass diese Zweifel ganz normal sind. Der Mensch ist ja neugierig und wenn man erstmal merkt, was es so für Möglichkeiten gibt, gerät man in Versuchung. Was vollkommen in Ordnung ist und heutzutage ist das ja auch viel einfacher, sich doch nochmal auszuprobieren und am Ende vielleicht doch zum Ausgangspunkt zurückzukehren.

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  3. Wahre Worte, mit denen auch ich mich gut identifizieren kann. Egal, wohin man im eigenen Umfeld schaut, die wenigsten wissen wirklich, was sie im Leben wollen. Ich persönlich finde, dass das eine Weile lang völlig in Ordnung ist und es heutzutage nun mal nicht mehr diesen einen Weg gib, den es einzuschlagen gilt. Das Leben bietet so viele Möglichkeiten, warum sollte man sich einschränken und sie vielen Facetten, die in einem wohnen nicht ausleben.
    Liebste Grüße
    Andrea
    www.chapeau-blog.de

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    1. Vielen Dank für dein Feedback, Andrea :)
      Ich sehe das ganz genauso!
      Liebe Grüße

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  4. "Und, weisst du schon was du nach dem Abi machst?" Die Standartfrage, auf die ich meist mit "weiss nicht" oder "Jura klingt ganz interessant" antworte. Nicht weil ich völlig planlos durch die Welt gehe, sondern weil ich schlichtweg keine Lust habe, mit Zahnärzten, Bekannten meiner Eltern und anderen Erwachsenen Lohnklassen und Zukunftschancen zu besprechen. Für mich ist die Wahl eines Berufes etwas persönliches geworden, etwas, zu dem ich nicht von jedem eine Reaktion hören möchte. So toll es auch ist, einen Beruf heute nach "Spassfaktor" aussuchen zu können, so sehr spüre ich manchmal den Druck, die Karriere nicht nur zur Geldquelle, sondern auch einem Teil der Persönlichkeit machen zu müssen. Ein Leistungsanspruch an den eigenen Charakter, der den Job perfekt ausfüllen soll und gleichzeitig an die Fähigkeiten, an die Schulnoten "die uns doch so weit bringen sollen." Und zwischen all dem Bloggermädchen, die fröhlich "love what you do and work hard" verkünden... Danke deshalb für deinen ehrlichen Post, der für mich viele meiner Gedanken auf den Punkt bringt!

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    1. Interessante Gedanken, liebe Kathrin! Vielen Dank dafür :)
      Ich finde vor allem deinen Satz, dass die Berufswahl etwas sehr persönliches ist, wunderbar geschrieben. Dann fällt schon einmal dieser Rechtfertigungsdruck, der ja irgendwie dann automatisch kommt, weg, was ziemlich befreiend sein dürfte.
      Und was den Leistungsanspruch an den Charakter angeht, kann ich dir nur zustimmen. Wir haben heutzutage das Privileg, ganz kreativ unseren Job auszusuchen, woöglich sogar das zum Beruf machen, was uns Spaß macht. Das gab es früher, glaube ich, in der Form nicht. Ich denke auch, dass es wichtig ist, sich einen Job zu suchen, der nicht nur Sicherheit verspricht, sondern Spaß macht. Ob das aber immer so klappt mit diesem Traumjob a la ich bin mein eigener Chef und verwirkliche mich komplett, wage ich zu bezweifeln. Bzw. muss man dann wieder an anderen Ecken einstecken und gerade dieses "love what you dou and work hard" Ding ist schwierig. Schön für die, die es geschafft haben, aber in der Realität ist es nicht so einfach.
      Liebe Grüße

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  5. Liebe Yasmin,
    dieser Post hat mir sehr sehr gut gefallen! Und er ist wunderbar geschrieben! Ich hab ihn gelesen und danach erstmal eine Weile drüber nachdenken müssen, aber ich kann mich sehr gut damit identifizieren. Ich mache gerade meinen Master (in Schottland) und bin ab August erstmal mit dem Studium durch. Das bedeutet natürlich auch, dass ich mich langsam ein wenig auf dem Arbeitsmarkt umsehen werde. Und damit verbunden sind natürlich auch noch zig andere Fragen wie: Wo werde ich wohnen, erste richtige Wohnung, die nicht nur zwischendurch fürs Studium ist, evtl. mit dem Freund zusammen ziehen und und und. Davon fühle ich mich oft ganz schön überfordert. Es hilft manchmal einfach den Kopf auszuschalten und mir zu sagen: Du musst das jetzt noch nicht wissen, es ist völlig Ordnung manche Dinge mit 24 noch in der Schwebe zu lassen. Und vorallem: ich finde wir sollten uns öfter daran erinnern, dass wir (oder zumindest ich) das Glück haben unzählige Möglichkeiten zu haben. Ich nehme mir manchmal dann einfach 5 Minuten und bin dankbar dafür und träume davon, was ich noch alles machen könnte, wen Plan A nicht wäre. Und davon krieg ich dann immer so ein freudiges Kribbeln im Bauch.
    Ich komme aus einer Familie, in der immer sehr viel Leistungsdruck herrscht(e) und ein roter Faden im Lebenslauf sehr wichtig ist. Und das hat mich auch sehr weit gebracht. Aber zu wissen, dass ich auch noch zig andere Dinge in meinem Leben machen kann ist schon toll. Dafür nehme ich auch die Unsicherheit gerne in Kauf, die einen immer mal wieder übermannt, wenn man nicht so genau weiß, wo es als nächstes hingehen soll.
    Alles in allem: schöner Beitrag!
    Alles Liebe
    Linda

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  6. " Letztlich versuchen wir doch alle nur, unser wackliges Haus aufzubauen, obwohl wir miese Architekten sind..." Das ist so ein schöner Satz - und so treffend! Weil wir trotzdem bauen, obwohl wir miese Architekten sind. Und egal wie wacklig und schief unser "Haus" ist, es ist unsere eigenes, wir haben es entworfen und gebaut und werden darin leben. Und das ist etwas total Gutes! :)
    Danke für den tollen Text und ich würde mich freuen, noch mehr in dieser Richtung zu lesen! :)

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