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Ich lass mich nicht erziehen #Beziehungskram

Es ist Freitagabend, 18 Uhr. Vor mir liegen frische Zutaten und jede Menge Gewürze, die nur darauf warten, ausprobiert zu werden. Statt fein säuberlich Zwiebelwürfel zu schneiden, geht es bei mir chaotisch zu. Topf hier, Pfanne da, ich trällere ein paar falsche Melodien und vergieße ein paar Ölspritzer. Es duftet himmlisch nach Rosmarinkartoffeln, die im Ofen vor sich hinbrutzeln und ich freue mich, mal wieder eine meiner größten Leidenschaften auszuleben. Was ich aber auch mache? Die Küche hinterher als Schlachtfeld zu verlassen. Immer.  Ich weiß nicht, wie andere das machen mit dem nebenher aufräumen. Funktioniert bei mir einfach nicht. Wenn das Essen fertig ist, kommt es bei mir heiß auf den Teller. Da bleibt nunmal keine Zeit zum Aufräumen. Und danach, fragt ihr? Nunja, da bin ich meist bewegungsunfähig ;)

Solche Macken werden dann super gern bei Familienfeiern als "Lacher des Kaffeekränzchens" aufgetischt. Während ich schon die empörten Blicke meiner Omi aka Superhausfrau spüre, rutsche ich schuldbewusst tiefer in den Sitz. Und dann kommt dieser eine Satz. "Stefan, du musst deine Yasmin wirklich besser erziehen." Ich verschlucke mich fast an meinem zweiten Stück Himbeerkuchen. Bitte was? Moment mal. Wer will hier wen erziehen? Ich bin doch kein Kind, oder doch?

Umgekehrtes Szenario. Wir treffen uns gerade auf einen Kaffee, in meinem Fall Tee, als die Frage aufkommt, was Stefan gerade in seiner Freizeit so treibt, antworte ich, dass er mit seinen Freunden zockt. Kurze Stille, betretener Blick. "Schon wieder? Willst du da nicht einmal einlenken?", höre ich. Ich schlucke, verkneife mir meinen bissigen Kommentar. "Andere Jungs gehen Fußball spielen, er tüftelt gemeinsam mit seinen an Counterstrike Strategien. Wo ist da der Unterschied? Ich sitze doch auch gerade hier bei dir." "Naja, aber man kann ja als Frau den Mann schon ein wenig erziehen, in die richtige Richtung lenken." Da ich spüre, dass das hier eine Grundsatzdiskussion wird, verlasse ich lieber das Minenfeld. Denn ich habe ganz und gar nichts dagegen, wenn Stefan zockt, gehört es zu seinem Leben dazu wie das Bloggen zu meinem. Ganz easy.
picture credit: Pinterest

Und doch bin auch ich nicht unschuldig. Natürlich habe ich dieses "Erziehen" vor einiger Zeit mal im Selbsttest probiert. Er hat da zum Beispiel diese unerklärliche Angewohnheit, seine Sachen, die er später am Tag noch einmal tragen will, auf meinen Taschen auszubreiten...damit sie nicht knittern. Ganz schön schräg, wenn ihr mich fragt. Trotz mehrmaligem Hinweis, dass ich mich jedes Mal erst an einem Tshirt vorbeikämpfen muss, um an meinen Krempel zu kommen und er doch die Sachen auch einfach - so wie ich- auf den Stuhl (gebts zu, ihr kennt den Haufen auf dem Stuhl) schmeißen kann, ändert er es nicht.  Genauso wenig, wie ich nach einem Umziehdesaster am Morgen meine Sachen feinsäuberlich in den Schrank hängen würde oder eben die Küche direkt beim Kochen putze.

Es gibt einfach Eigenschaften - oder liebevoll Macken genannt, die gehören zu einem dazu. Schräg, unerklärlich, unbewusst, beim Einen chaotisch, beim Anderen eher in Richtung Monk gehend. Und ist es nicht lächerlich, sich an solchen Kleinigkeiten aufzureiben, die einen anfangs überhaupt nicht gestört haben? Die man mitunter mal süß fand, die den Partner, in den man sich verliebt hat, ausmachen? Für mich hat das Ganze  etwas mit Respekt zu tun. Zu akzeptieren, dass der Partner eben anders tickt als man selbst.

Die Erkenntnis des Selbsttests? In dem Moment, als ich zum verbalen Angriff überging, kam ich mir verdammt lächerlich vor. Stattdessen, befreie ich seither meine Tasche von Stefans Kleidung, greife nach dem, was ich gesucht habe, lege die Sachen wieder auf die Tasche und schmunzle über diese merkwürdige Angewohnheit. Manche Dinge kann und sollte man nicht versuchen zu ändern. Oder kurz gesagt:

Wer mit meinen Macken nicht klar kommt, hat Pech gehabt und umgekehrt.  Das soll nicht heißen, dass ich beratungsresistenz bin, aber es ist doch so: einige Eigenschaften sind einfach so fest verankert, dass sie schwer loszuwerden sind. Droht man dann aber mit dem ausgestreckten Finger, nähert man sich gefährlich nah der Muttischublade. Und da wollen wir  ganz sicher nicht hin.

Ebenso wie ich nicht erziehen will, lasse ich mich nicht erziehen. Denn wir sind keine Kinder, sondern gleichberechtigte Partner mit dem gleichen Recht auf Schrullen. Dass man ab und an von diesen Macken genervt ist, ist nur natürlich. Aber Hand aufs Herz: lohnt sich dieser Kleinkrieg um nicht weggeräumte  Kochutensilien oder liegen gebliebene Socken wirklich, wenn man stattdessen so viele schöne andere Dinge machen könnte?

Die Zauberformel heißt deswegen: Akzeptanz und eine nötige Portion Gelassenheit. In Partnerschaften geht es doch gerade darum, das man sich gut ergänzt. Dass man jemanden gefunden hat, der einen so akzeptiert, wie man ist. Wozu also dieser Drang nach Veränderung? Den Partner nach seinen Wunschvorstellungen umformen zu wollen? 
Wie das bei uns funktioniert? Ich koche leidenschaftlich gerne, während Stefan vielleicht noch eine Runde zur Entspannung  mit seinen Jungs zockt. Ich veranstalte Chaos in der Küche (und ein leckeres Abendessen noch dazu), er ist so lieb und räumt es hinterher auf - im besten Fall machen wir das sogar zusammen.

...Und dann gibt es da ja noch dieses Phänomen der Adaption - ganu unbeabsichtigt. Wenn man durch den Einfluss einer geliebten Person, Eigenschaften oder Gewohnheiten ganz unbewusst übernimmt und spiegelt. Wie wäre es also damit, statt nur mit dem Finger genervt auf die "negativen" Schrullen zu zeigen, sich ein paar der wirklich coolen  Fähigkeiten abzugucken?

Wie seht ihr das mit der "Erziehung" - habt ihr euch auch schon dabei erwischt? Und  fallen euch Schrullen ein, die ihr so habt und umgekehrt?

 

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10 Kommentare

  1. Sehr schön geschrieben! :-)
    Die Sache mit dem Zocken kenne ich nur zu gut - und ich finde das auch in Ordnung. Manchmal spiele ich sogar mit, aber meist lasse ich die Jungs damit allein. Das ist ja schließlich der Sinn des Ganzen. ;-) Er hat dafür unglaubliches Verständnis für meine zeitweise Launenhaftigkeit, wenn ich mal wieder gestresst bin. Das ist wahrscheinlich ziemlich anstrengend, aber er nimmt's mit Humor (was mich meist erstmal noch mehr auf die Palme bringt).
    Letztendlich geht es doch nicht nur darum, die Macken des Partners zu akzeptieren und "damit leben zu können", sondern ihn gerade dafür noch ein bisschen mehr zu lieben. Schließlich machen uns erst die Macken zu dem Menschen, der wir wirklich sind - und für den sich jemand entschieden hat.

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  2. Auch ich schmunzle oft über die, für mich nicht nachvollziehbaren, Angewohnheiten meines Freundes. Er wohl auch über meine. Danke für den Einblick in deine Beziehung und eine Situation, in der sich wohl viele Paare wiedererkennen.

    Liebe Grüsse,
    Sonja

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  3. Super Text, gefällt mir gut. :)
    Dieses Erziehungs ding machen viele glaube ich auch einfach unbewusst, aber ich finde es auch wichtig, dass man jedem seine Macken und Fehler lässt. Wir wollen ja schließlich selbst auch nicht, dass jemand uns versucht zu ändern und mit uns wegen komischen Eigenarten meckert. Auch wenn das, glaube ich, jeder mal macht :D
    Die Sache mit der Adaption fällt mir an mir selbst immer auf. Zum Beispiel, dass ich Wörter die mein Freund oft benutzt irgendwann auch sage. Finde das total schräg :D

    Liebe Grüße,
    Johanna
    http://dream-factory-of-my-world.blogspot.de/

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  4. Ach Yasmin, deine Texte sind immer so toll geschrieben und treffen genau ins Schwarze! Ich liebe es deine Texte zu lesen, du hast einen tollen Schreibstil :-*

    www.inblushandblack.blogspot.de

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  5. Das hast du superschön geschrieben! <3 Ich denke auch genau wie du, dass man den Anderen nicht erziehen sollte - und sich erst recht nicht von anderen sagen lassen sollte, was der Partner darf und was nicht!
    Liebe Grüße
    Alissa
    www.alissaloves.de

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  6. Ach ja, Sachen rumliegen lassen, das kenne ich auch zu gut. Habe auch versucht es bei ihm abzustellen und bin gescheitert. Jetzt versuche ich es einfach zu akzeptieren. :) Svenja www.lovelysuitcase.de

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  7. Sehr weise Worte!!! Daumen hoch!
    lg
    Esra

    http://nachgesternistvormorgen.de/

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  8. Gut geschrieben!
    eine Beziehung ist immer ein Kompromiss, sage ich - ich hab meine Macken, er hat seine Macken, ich habe Eigenschaften an mir (ich bin zB. jähzornig), die er mir am liebsten austreiben würde, und er hat das umgekehrt auch (er kann einfach nie nein sagen und lässt sich oft ausnützen). Die Frage ist: stört es einen? stört es einen so, dass man auf Dauer nicht miteinander leben kann? Wenn nein, perfekt. So ist es halt, wenn eine Beziehung funktioniert - man akzeptiert den Partner so wie er ist. Man passt sich in gewisser Weise ja sowieso aneinander an und nimmt Rücksicht, das tut man oft ohnehin automatisch. Aber erziehen? Ich lasse mich nicht erziehen. Von ihm nicht. von niemandem anderen auch nicht. Entweder so geliebt werden wie man ist. Wenn das nicht akzeptiert werden kann, dann hat man auch den falschen Partner - meiner Meinung nach.
    also dann: auf weitere schöne Beziehungsjahre, ohne dass man sich gegenseitig erziehen muss.

    Alles Liebe,
    monika

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  9. Schön gesagt!
    Du hast so recht!
    Mein Freund und ic gehen dieses Jahr auf das dritte Jahr zu und wohnen nun seit ast einem Jahr zusammen.
    Wenn man erst zusammenlebt, dann kommten solche Macken noch deutlicher hervor, als wie wenn man noch getrennt lebt.
    Ich finde es auch wichtig Macken nciht zu verändern. Jeder Mensch ist so wie er ist und wenn ich das nciht akzaptieren könnte und ihn verändern würde, dann wäre es ja nach einiger Zeit nciht mehr der Mann in den ich mich verliebt habe, sondern ein anderer Mann.
    Jeder soll sich in der Beziehung wohlfühlen können und sich ausleben dürfen.
    ich hinterlasse überall z.B. leere Verpackungen, weil mein Kopf einfach nciht auf die Idee kommt sie wegzuwerfen. Mein Freund wiederum hat einen Autotick. Warum auch nciht. Jeder soll in der Beziehung er selbt bleiben können ;)

    LG Alex ♥

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  10. Diese "Erziehungsproblematik", von der du geschrieben hast, kennne ich. Allerdings stellt sich mir auch immer die Frage - bis zu welchem Punkt ist es OK und akzeptabel und ab wann kostet es einfach zusätzlich Nerven, die man für andere Sachen besser gebrauchen könnte.

    Die "klassischen" Haushaltsdiskrepanzen kennt sicher Jeder, der in einer Beziehung ist. Benutztes Geschirr bleibt dort stehen, wo es benutzt wurde und findet seinen Weg nicht in die Küche oder den Spüler. Müll, der erst einmal ein paar Tage steht, bis er runtergebracht wird. Wäsche, die man in der Wohnung zusammensammeln muss...aber wär ein Putzplan die Lösung? Manchmal denke ich JA! Aber dann finde ich es zur gleichen Zeit auch affig - schließlich sind wir schon groß :)

    Macken sind für mich grundsätzlich OK, sie müssen aber aber Grenzen haben.
    Bei uns lief z.B. die Waschmaschine vor 2 Wochen aus (ein Schlauch war irgendwie locker). Seither steht die Maschine vorgerückt im Bad - natürlich rennt man da dauernd dagegen. Was ist so schwer daran, sie einfach gleich wieder an die Wand zu rücken? Ich selbst kann es leider nicht..da muss einfach ein starker Mann her.
    Zweite Sache: Unser Weihnachtsbaum steht auch knapp 2 Wochen abgeschmückt im Wohnzimmer und nadelt vor sich hin...ich bin es leid, fast jeden Tag die Bitte zu äußern, ihn endlich rauszubringen..da komm ich mir vor wie eine schimpfende Mutti. Aber an meinen Nerven zerrt sowas schon.

    Wenn Macken und Eigenheiten in Unzuverlässigkeit und Frustration münden, ist bei mir die Grenze erreicht.

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