Gedanken

Gefühle der Ohnmacht

Puh...hier war es ganz schön still die letzte Woche. Ungewöhnlich still. Lag es erst am Lernstress, der mir Einhalt gebot und keine freie Minute ließ, hatte ich zum Wochenende einfach keine Worte für die Geschehnisse. Es wurde geschwiegen, diskutiert, geschrieben, Stellung bezogen.
Wortlos einfach weiterzumachen, erscheint mir falsch.

Ich lese von Ängsten, 3. Weltkrieg, Horroszenarien und Schuldzuweisungen. Wir konnten ganz kurz spüren, wie sich die Welt in den arabischen Ländern anfühlt. Wo das, was in Paris passiert ist, Alltag ist. Dort, wo auch meine Familie lebt. Es brummt nur noch in meinem Kopf. 
Angst, Krieg, Zerstörung, Zweifel, Schuld, Angst, Krieg, Zerstörung, Verzweiflung, Fremdenhass.

Statt zu erkennen, dass der Großteil der Menschen, die wir in den letzten Monaten unter schwierigen Bedingungen aufgenommen haben, genau vor diesem Terror flieht, wird er zum Anlass genommen, mit dem Finger auf eben jene zu zeigen. Als wäre der Fremdenhass der letzten Monate nicht schon erschreckend genug, bietet der aktuelle Terror eine Plattform, um ihn weiter zu schüren, die Welt zu spalten. In einem Ausmaß, das einfach unfassbar ist und mich ohnmächtig fühlen lässt.
Vor allem nachdem meine Schwester gestern Abend ein erschreckendes Erlebnis hatte. (Ich zitiere an dieser Stelle ihren aufgebrachten Facebook Eintrag)

Du armes Deutschland!
Ich bin gerade auf dem Heimweg gewesen. Da es regnete, habe ich mir meinen Schal bis zu den Ohren gezogen (nicht weiter) und wurde doch prompt von einem offensichtlich alkoholisierten 25-35 Jährigen pöbelnd aufgefordert, Deutschland zu verlassen. Wortlaut: " Geh weg!! Ab mit dir! Bäh Bäh Bäh!"
Da ich nicht reagierte hat er mir als I-Tüpfelchen noch gleich mal auf die Schuhe gespuckt.
Erst die Erklärung, dass ich Deutsche sei, war und immer sein werde, hat gefruchtet.
Daraufhin entschuldigte sich dieser Mann mit widerlichem Gedankengut schmierig bei mir und fragte, wie es mir gehe... ERNSTHAFT?!!!
Muss man erst betonen, welche verdammte Nationalität auf seinem Pass steht? Warum können wir nicht einfach mal MENSCHEN sein?
Kritische Flüchtlingssituation hin oder her, aber so kann es echt nicht weiter gehen.
Ich bin enttäuscht, maßlos enttäuscht, was aus diesem Land geworden ist!

Und dann bekomme ich Angst. Lähmende Angst. Nicht vor anderen Kulturen, die mit der Aufnahme der vielen Schutzsuchenden auch unsere eigene beeinflussen wird. Im Gegenteil, das macht Globalisierung aus. Ich finde es spannend und denke, dass wir von jeder Kultur gewisse Traditionen übernehmen können. Ich habe keine Angst vor dem Islam, der mir - obwohl meine Familie aus Syrien stammt - fremd ist, weil unsere Familie dort atheistisch ist. Ich habe keine Angst vor den Menschen, die hier Schutz suchen. Wovor ich dann Angst habe?

Vor meinen Mitmenschen. Wenn Menschen in meinem Umfeld, von denen ich eigentlich dachte, dass sie intelligent und reflektiert sind, auf einmal auch auf diesen Zug des Fremdenhass' aufspringen. Wenn plötzlich unterschieden wird zwischen mir und dir. Wenn irrationale Ängste vor "dem Fremden", den sie nicht verstehen (wollen) sich durch den Alltag fressen, Pauschalisierungen bestärkt werden und unlogisch alle Muslime, Flüchtlinge, Opfer des IS Terror über einen Kamm geschert werden.

In letzter Zeit durfte ich mir oft sehr grenzwertige Aussagen anhören, bei denen ich schlucken musste. Natürlich mit dem Nachsatz: das geht nicht gegen dich und deine Familie. Du bist ja integriert. Seit wann werden denn auf einmal Unterschiede gemacht, obwohl mein Papa seit 30 Jahren hier lebt. Auf einmal ist er nicht mehr der deutsche Nachbar, sondern der Syrer. Auf einmal bin ich nicht das hier geborene Mädchen mit syrischen Wurzeln, sondern die Integrierte. Auf einmal ist meine Schwester nicht ein vor Regen schutzsuchendes Mädchen, sondern eine Fremde.
Aber wo verlaufen da die Grenzen? Mit welchen Argumenten wird zwischen meinem Papa, dem integrierten Syrer und dem flüchtenden Anwalt, Student, Mutter, Bauarbeiter der Unterschlupf sucht, unterschieden? Was macht den einen wertvoller, wichtiger? Eben, Nichts!  Diese Unterschiede werden irrational im Kopf gemacht, obwohl sie nicht da sind, denn letztlich sind wir alle eins: Menschen - ganz egal welcher Religion oder Nation wir angehören. Und schwarze Schafe gibt es überall.

Dass, was da in Beirut, Paris und Syrien passiert, ist Terror, nicht der Islam, den ich in Marrakesch, Dubai, Abu Dhabi, Syrien oder einem der zahlreichen arabischen Ländern, die ich besuchen durfte, kennen gelernt habe. Terror perspektivloser, gehirngewaschener Menschen, die sich religiöse Prinzipien radikal und willkürlich so verquer auslegen, dass Morden gerechtfertigt wird. Unzählige Leben in Leid und Tod stürzen. Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Mit keiner Religion dieser Welt. Das ist einfach nur purer Wahnsinn und Hass, der einen Nährboden gefunden hat.

Wir reden immer davon, aus der Vergangenheit zu lernen. Uns ein Beispiel zu nehmen und als positives Vorbild voran zu gehen. Trauer und Wut über sinnlose Morde dürfen nicht in Fremdenhass verwandelt werden. Wir dürfen die vielen Schutzsuchenden, nicht einfach von uns stoßen, ihnen die Chance auf Integration verwehren.
Das Schlimme ist, dass der Großteil der schimpfenden Menschen, die irrationale Ängste vor "den Fremden" haben, in Wahrheit noch kein einziges Wort mit ihnen gewechselt haben.
Wenn ihr genau hinseht, seht ihr ängstliche Menschen, die sich nicht auf die Straße trauen, die Fragen haben, wie man den Alltag hier in der (noch) fremden Kultur meistert, es sich aber nicht wagen, diese zu stellen. Aus Angst, angespuckt zu werden. Und dann dieses Funkeln in den Augen, wenn eine nette Antwort zurückkommt. Wenn man merkt, dass sie orientierungslos sind und man sich ihrer annimmt. Den Weg zeigt, Fragen beantwortet, mit ihnen redet, keine Unterschiede macht, ja einfach ein Lächeln schenkt. Denn wenn man wirklich offen auf das "Fremde" zuginge, sich wirklich mal darauf einließe,würde man die Dankbarkeit, Herzlichkeit und das Interesse spüren.

Auch wenn das hier der tausendste Post dieser Thematik ist, muss er geschrieben und veröffentlicht werden. Ja, das hier ist ein Lifestyle und Modeblog und ja, ich berichte auch wieder über die schönen Seiten des Lebens, weil sie dazugehören und es bereichern, weil sie Hoffnung schenken und zeigen, dass das Leben lebenswert ist. Dass ich den Glauben an die Menschheit und Menschlichkeit nicht verloren habe.
Und doch ist Politik in diesen Zeiten nicht mehr nur den Tageszeitungen und Experten vorbehalten. Wenn ich sehe, wie auf der Straße geredet und gehandelt wird, in welche gruselige Richtung sich ein (zum Glück sehr kleiner) Teil  Deutschlands entwickelt, muss etwas unternommen werden. Dann darf Politik nicht mehr langweilig sein, dann dürfen wir nicht wegschauen, sondern mit unseren Mitteln handeln. Den Mund aufmachen, Gegenargumente liefern, Offenheit und Toleranz wahren, statt auszuschließen. Unsere Stimme nutzen und den Hass mit Liebe, Vernunft und Mitgefühl ersticken.

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13 Kommentare

  1. Ich fand es gestern schon so schlimm, als Du von Deiner Schwester auf snapchat berichtet hast. Ich mag mir nicht vorstellen, wie sie sich gefühlt haben muss. Und wie viele Menschen in diesen Tagen ähnlich Erfahrungen machen. Dieses "alle übet einen Kamm scheren" regt mich total auf, denn es macht so viel kaputt.

    Ich finde es toll, dass Du diesen Text geschrieben hast und hoffe, er bringt den einen oder anderen zum Nachdenken.

    Ich hoffe, ihr müsst so etwas nie wieder erleben.

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    1. Vielen Dank, meine Liebe :) Ich hoffe auch, dass ich vielleicht ein paar Menschen zum Nachdenken anregen konnte.
      Und wie du schon sagtest, die Situation war umso schlimmer, weil es vor Augen geführt hat, wie sich viele Schutzsuchende tagtäglich fühlen und angefeindet werden.
      Liebe Grüße

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  2. Wahre Worte liebe Yasmin!
    Das mit deiner Schwester ist wirklich schrecklich :(
    Aber an dem Beispiel merkt man was für merkwürdige Unterscheidungen manche treffen -.-
    Würden doch nur alle so denken wie du, dann wäre die Welt ein besserer Ort ❤

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    1. Vielen Dank für den lieben Kommentar :) Genau diese Unterscheidungen finde ich so irrational. Wenn man dann nachhakt und nach Gründen und Argumenten fragt, verstummen die Menschen jedoch ganz schnell. Vermutlich weil sie merken, wie dämlich diese "Logik" der Unterschiede ist.
      Liebe Grüße

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  3. Da bleibt nur eins zu sagen:

    Terror hat keine Religion!!!

    Und danke das du Deine Gedanken mit uns teilst liebe Yasmin

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  4. Danke für diesen Post! Wir brauchen mehr als 1000 Posts zu dieser Thematik. Mehr Menschen, die endlich für eine MENSCHLICHKEIT einstehen. Danke.

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    1. Ich kann mich dir nur anschließen :) Deswegen war es mir auch so wichtig, darüber zu schreiben. Jeder Mensch kann auf irgendeine Art und Weise dazu beitragen, dass sich etwas ändert. Und wenn es "nur" in der Form eines Blogposts ist.
      Liebe Grüße

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  5. Much I enjoyed reading your blog
    http://windittight.com/adidas/

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  6. Danke für deine Worte und danke, dass du nicht einfach so weiter gemacht hast, sondern deine Gedanken mit uns geteilt hast!

    Love, Isa Red | www.lookatisared.blogspot.de

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  7. Da kann ich dir nur zustimmen. Die aktuellen Entwicklungen sind einfach nur erschreckend. Deshalb finde ich es richtig und wichtig, dass du deine Gedanken dazu mit uns teilst. Momentan habe ich sowieso eher den Eindruck, dass man bei der ganzen Verunsicherung gar nicht oft genug über diese Radikalisierung sprechen und darauf aufmerksam machen kann. Danke also, für diesen Post!

    Viele Grüße!

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  8. Ich LIEBE diesen Post. Er beschreibt ziemlich genau das, was ich denke. Ich bin allerdings Deutsche ohne ausländische Wurzeln und trotzdem werde ich mittlerweile ständig angefeindet. Warum? Weil ich mich für Flüchtlinge einsetzte, bei einer gemeinnützigen Organisation arbeite, die sich für Flüchtlinge einsetzt. Ich sei ja nur ein dummes, naives, kleines Mädchen, das keine Ahnung vom Leben hat. Auf meine Fragen, ob diese Personen denn jemals in direkten Kontakt mit diesen "bösen bösen Flüchtlingen" gekommen sind, kriege ich selten eine Antwort.
    Ich trauere um die Menschlichkeit in diesem Land. Und ich bewundere unsere Kanzlerin. Auch wenn sie nicht alles richtig macht (wer könnte das in dieser Situation? Was ist richtig?) lässt sie sich nicht von ihrem Kurs abbringen. & ich werde nicht aufhören, mich für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Hilfe für ALLE einzusetzen.
    Dir wünsche ich alle Gute und viel Kraft! <3

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